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eine blofs einseitig ausgeübte Wirkung ist, tatsächlich Wechselwirkungeinschlielst: der Redner scheint der Versammlung, der Lehrer der Klasse,der Journalist seinem Publikum gegenüber der allein Führende und Be-einflussende zu sein; tatsächlich empfindet jeder in solcher Situation diebestimmende und lenkende Rückwirkung der scheinbar blofs passivenMasse; für politische Parteien gilt allenthalben das Wort: »ich bin ihrFührer, also mufs ich ihnen folgen«; ja, ein hervorragender Hypnotiseurhat neulich betont, dafs bei der hypnotischen Suggestion — offenbardoch dem entschiedensten Falle reiner Aktivität von der einen, un-bedingter Beeinflufstheit von der anderen Seite — eine schwer beschreib-liche Wirkung des Hypnotisierten auf den Hypnotiseur stattfände, ohnedie der Effekt nicht erreicht würde. Jede Wechselwirkung aber ist alsein Tausch zu betrachten: jede Unterhaltung, jede Liebe (auch wo siemit andersartigen Gefühlen erwidert wird), jedes Spiel, jedes Sichanblicken.Und wenn der Unterschied zu bestehen scheint, dafs man in der Wechsel-wirkung gibt, was man selbst nicht hat, im Tausch aber nur, was manhat — so hält dies doch nicht Stand. Denn einmal, was man in derWechselwirkung ausübt, kann immer nur die eigene Energie, die Hin-gabe eigener Substanz sein; und umgekehrt, der Tausch geschieht nichtum den Gegenstand, den der andere vorher hatte, sondern um den eigenenGefühlsreflex, den der andere vorher nicht hatte; denn der Sinn desTausches: dafs die Wertsumme des Nachher gröfser sei als die desVorher — bedeutet doch, dafs jeder dem anderen mehr gibt als er selbstbesessen hat. Freilich ist Wechselwirkung der weitere, Tausch derengere Begriff; allein in menschlichen Verhältnissen tritt die erstereganz überwiegend in Formen auf, die sie als Tausch anzusehen gestatten.Unser natürliches Schicksal, das jeden Tag aus einer Kontinuität vonGewinn und Verlust, Zufliefsen und Abströmen der Lebensinhalte zu-sammensetzt, wird im Tausch vergeistigt, indem nun das eine für dasandere mit Bewufstsein gesetzt wird. Derselbe geistig-synthetische Pro-zefs, der überhaupt aus dem Nebeneinander der Dinge ein Mit- undFüreinander schafft; dasselbe Ich, das, die sinnlichen Gegebenheiteninnerlich durchströmend, ihnen die Form seiner eigenen Einheit einbaut— hat mit dem Tausch jenen naturgegebenen Rhj'thmus unserer Existenzergriffen und seine Elemente zu einer sinnvollen Verbundenheit organi-siert. Und zwar wird gerade dem Tausch wirtschaftlicher Werte dieFärbung des Opfers am wenigsten erspart bleiben. Wo wir Liebe umLiebe tauschen, wüfsten wir mit der darin offenbarten inneren Energiesonst nichts anzufangen; indem wir sie hingeben, opfern wir — vonäufseren Betätigungsfolgen abgesehen — keinerlei Nutzen auf; wenn wir