Druckschrift 
Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
42
Einzelbild herunterladen
 

42

als Werte zu fühlen, ln den Beziehungen der Menschen untereinander,am häufigsten und deutlichsten in erotischen, bemerken wir, wie Reser-viertheit, Gleichgültigkeit oder Abweisung gerade den leidenschaftlichstenWunsch, über diese Hindernisse zu siegen, entflammen und uns zu Be-mühungen und Opfern veranlassen, deren uns das Ziel ohne diese Wider-stände sicher oft nicht würdig erschienen wäre. Für viele Menschenwürde die ästhetische Ausbeute der grofsen Alpenbesteigungen nichtweiter beachtenswert sein, wenn sie nicht den Preis aufserordentlicherMühen und Gefahren forderte und erst dadurch Betonung, Anziehungs-kraft und Weihe erhielte. Der Reiz der Antiquitäten und Kuriositätenist oft kein anderer; wenn keinerlei ästhetisches oder historisches Interessean ihnen haftet, so wird diese durch die blofse Schwierigkeit ihrer Er-langung ersetzt: sie sind so viel wert, wie sie kosten, was dann erstsekundär so erscheint, dafs sie so viel kosten, wie sie wert sind. Weiter:alles sittliche Verdienst bedeutet, dafs um der sittlich wünschenswertenTat willen erst entgegengerichtete Triebe und Wünsche niedergekämpftund geopfert -werden mufsten. Wenn sie ohne jede Überwindung ge-schieht, als der selbstverständliche Erfolg ungehemmter Impulse, so wirdihr, so objektiv erwünscht ihr Inhalt sei, dennoch nicht in demselbenSinn ein subjektiv sittlicher Wert zugesprochen. Nur durch das Opfervielmehr der niedrigeren und doch so versucherischen Güter wird dieHöhe des sittlichen Verdienstes erreicht, und eine um so höhere, jelockender die Versuchungen und je tiefer und umfassender ihr Opfer war.Sehen wir zu, welche menschlichen Leistungen die höchsten Ehren undSchätzungen erfahren, so sind es immer die, die ein Maximum von Ver-tiefung, Kraftaufwand, beharrlicher Konzentration des ganzen Wesensverraten oder wenigstens zu verraten scheinen damit also auch vonEntsagung, von Aufopferung alles abseits Liegenden, von Hingabe desSubjektiven an die objektive Idee. Und wenn im Gegensatz dazu dieästhetische Produktion und alles Leichte, Anmutige, aus der Selbstver-ständlichkeit des Triebes Quellende einen unvergleichlichen Reiz entfaltet,so verdankt dieser seine Besonderheit doch auch dem mitschwebendenGefühle von den Lasten und Opfern, die sonst die Bedingung des gleichenGewinnes sind. Die Beweglichkeit und unerschöpfliche Kombinations-fähigkeit unserer seelischen Inhalte bewirkt es häufig, dafs die Bedeut-samkeit eines Zusammenhanges auf seine direkte Umkehrung übertragenwird, ungefähr wie die Assoziation zwischen zwei Vorstellungen ebensodadurch zustande kommt, dafs sie einander zugesprochen, wie dafs sieeinander abgesprochen werden. Den ganz spezifischen Wert dessen,was wir ohne überwundene Schwierigkeit und wie ein Geschenk glück-