Druckschrift 
Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
41
Einzelbild herunterladen
 

41

Vernünftigerweise gebe doch niemand einen Wert dahin, ohne einenmindestens gleich hohen dafür zu erhalten, und dafs umgekehrt das Zielseinen Wert erst durch den Preis, den wir dafür geben müssen, erhalte,könne nur in der verkehrten Welt Vorkommen. Nun ist das für dasunmittelbare Bewufstsein schon zutreffend, ja zutreffender als jenerpopuläre Standpunkt in anderen Fällen meint. Tatsächlich kann derWert, den ein Subjekt für einen anderen aufgibt, für dieses Subjektselbst, unter den tatsächlichen Umständen des Augenblicks, niemalsgröfser sein als der, den es eintauscht. Aller entgegengesetzte Scheinberuht auf der Verwechslung des wirklich vom Subjekt empfundenenWertes mit demjenigen, der dem betreffenden Tauschgegenstand nachder sonstigen durchschnittlichen oder als objektiv erscheinenden Taxierungzukommt. So gibt jemand in Hungersnot ein Kleinod für ein StückBrot fort, weil ihm das letztere unter den gegebenen Umständen mehrwert ist als das erstere. Bestimmte Umstände aber gehören immerdazu, um an ein Objekt ein Wertgefühl zu knüpfen, da jedes solche vondem ganzen vielgliedrigen, in stetem Flufs, Anpassung und Umbildung-begriffenen Komplex unseres Fühlens getragen wird; ob diese Umständeeinmalige oder relativ beständige sind, ist offenbar prinzipiell gleichgültig.Durch die Tatsache, dafs der Hungernde das Kleinod fortgibt, beweister unzweideutig, dafs ihm das Brot mehr wert ist. Das also ist keinZweifel, dafs im Moment des Tausches, der Darbringung des Opfers,der Wert des eingetauschten Gegenstandes die Grenze bildet, bis zu derder Wert des weggegebenen höchstens steigen kann. Ganz unabhängigdavon besteht die Frage, woher jenes erstere Objekt denn seinen so er-forderlichen Wert bezieht, und ob nicht etwa aus den dafür zu bringen-den Opfern, so dafs die Äquivalenz zwischen Gewinn und Preis gleich-sam a posteriori und von dem letzteren aus hergestellt würde. Wirwerden gleich sehen, wie häufig der Wert auf diese unlogisch er-scheinende Weise psychologisch entspringt. Ist er aber einmal zustandegekommen, so besteht freilich auch für ihn nicht weniger als für denauf jede andere Weise konstituierten die psychologische Notwendigkeit,ihn für ein mindestens ebenso grofses positives Gut zu halten, wie dieAufopferung für ihn ein negatives ist. Tatsächlich kennt schon dieoberflächliche psychologische Betrachtung eine Reihe von Fällen, indenen das Opfer den Wert des Zieles nicht nur steigert, sondern sogarallein hervorbringt. Es ist zunächst die Lust der Kraftbewährung, derÜberwindung von Schwierigkeiten, ja oft die des Widerspruchs, die sichin diesem Prozefs ausspricht. Der notwendige Umweg zur Erlangung-gewisser Dinge ist oft die Gelegenheit, oft aber auch die Ursache, sie