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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Regelung gegeben. Es ist ein Vorurteil, dafs jede sozial geregelte Be-ziehung sich aus der inhaltlich gleichen, aber in nur individueller,sozial ungeregelter Form stattfindenden, historisch entwickelt habenmüsse. Was ihr vorangegangen ist, kann vielmehr derselbe Inhalt ineiner der Art nach ganz anderen Beziehungsform gewesen sein.Der Tausch geht über die subjektiven Aneignungsformen fremden Be-sitzes, den Raub und das Geschenk, hinaus ganz dementsprechend,dafs die Geschenke an den Häuptling und die von ihm erhobenen Straf-gelder die Vorstufen der Steuer sind und findet auf diesem Wege alserste übersubjektive Möglichkeit die soziale Regelung vor, welche ihrer-seits erst die Objektivität im sachlichen Sinne vorbereitet; zuerst mitdieser gesellschaftlichen Normierung wächst in jene freien Besitzwechselzwischen Individuen die Objektivität ein, die das Wesen des Tausches ist.

Aus alledem ergibt sich: der Tausch ist ein soziologisches Gebildesui generis, eine originäre Form und Funktion des interindividuellenLebens, die sich keineswegs aus jener qualitativen und quantitativen Be-schaffenheit der Dinge, die man als Brauchbarkeit und Seltenheit be-zeichnet, durch logische Konsequenz ergibt. Umgekehrt vielmehr ent-wickeln beide ihre wertbildende Bedeutung erst unter der Voraussetzungdes Tausches. Wo der Tausch, das Einsetzen von Opfern zum Zweckedes Gewinnes, aus irgendeinem Grunde ausgeschlossen ist, da kannalle Seltenheit des begehrten Objektes es nicht zu einem wirtschaftlichenWert machen, bis die Möglichkeit jener Relation wieder eintritt. DieBedeutung des Gegenstandes für das Individuum liegt immer nur inseiner Begehrtheit; für das, was er uns leisten soll, ist seine qualitativeBestimmtheit entscheidend, und wenn wir ihn haben, in dem positivenVerhältnis zu ihm, ist es für diese Bedeutung seiner völlig einerlei, obaufser ihm noch viele, wenige oder keine Exemplare seiner Art exi-stieren. (Ich behandle hier die Fälle nicht gesondert, in denen die Selten-heit selbst wieder eine Art qualitativer Bestimmtheit wird, die uns denGegenstand begehrungswürdig macht, wie bei alten Briefmarken, Kurio-sitäten, Antiquitäten ohne ästhetischen oder historischen Wert u. ähnl.)Übrigens mag die Unterschiedsempfindung, deren es für den Genufs imengeren Sinne des Wortes bedarf, allenthalben durch eine Seltenheit desObjekts, d. h. dadurch, dafs es eben nicht überall und jederzeit genossenwird, bedingt sein. Allein diese innere psj^chologische Bedingung desGenusses wird nicht praktisch, schon weil sie nicht zur Überwindung,sondern gerade zur Konservierung, ja zur Steigerung der Seltenheitführen müfste, was erfahrungsgemäfs nicht geschieht. Um was es sichpraktisch aufser dem direkten, von der Qualität der Dinge abhängigen