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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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für unser praktisches Handeln, durch das wir uns mit der Welt, wie sierelativ unabhängig von unserem subjektiv bestimmten Vorstellen besteht,in Verbindung setzen: wir erwarten von ihr bestimmte Rückwirkungenauf unsere Einwirkungen und sie leistet uns dieselben auch, wenigstensim grofsen und ganzen, in der richtigen, d. h. uns nützlichen Weise,wie sie eben solche auch den Tieren leistet, deren Verhalten durchvöllig abweichende Bilder von eben derselben Welt bestimmt wird. Diesist doch eine höchst auffallende Tatsache: Handlungen, auf Grund vonVorstellungen vorgenommen, die mit dem objektiv Seienden sicherlichkeinerlei Gleichheit besitzen, erzielen aus diesem dennoch Erfolge voneiner solchen Berechenbarkeit, Zweckmäfsigkeit, Treffsicherheit, dafs siebei einer Kenntnis jener objektiven Verhältnisse, wie sie an sich wären,nicht grölser sein könnten, während andere Handlungen, nämlich die auf»falsche« Vorstellungen hin erfolgenden, in lauter reale Schädigungenfür uns auslaufen. Und ebenso sehen wir, dafs auch die Tiere Täuschungenund korrigierbaren Irrtümern unterliegen. Was kann nun die »Wahrheit«bedeuten, die für diese und uns inhaltlich eine ganz verschiedene ist,aufserdem sich mit der objektiven Wirklichkeit gar nicht deckt, unddennoch so sicher zu erwünschten Handlungsfolgen führt, als ob diesletztere der Fall wäre? Das scheint mir nur durch die folgende An-nahme erklärbar. Die Verschiedenheit der Organisation fordert, dafsjede Art, um sich zu erhalten und ihre wesentlichen Lebenszwecke zuerreichen, sich auf eine besondere, von den andern abweichende Artpraktisch verhalten mufs. Ob eine Handlung, die von einem Vor-stellungsgebilde geleitet und bestimmt wird, für den Handelnden nützlicheFolgen hat, ist also noch keineswegs nach dem Inhalte dieser Vorstel-lung zu entscheiden, mag er sich nun mit der absoluten Objektivitätdecken oder nicht. Das wird vielmehr einzig davon abhängen, zuwelchem Erfolg diese Vorstellung als realer Vorgang innerhalb desOrganismus, im Zusammenwirken mit den übrigen physisch-psychischenKräften und in Hinsicht auf die besonderen Lebenserfordernisse jenesführt. Wenn wir nun vom Menschen sagen, lebenerhaltend und -förderndhandle er nur auf Grund wahrer Vorstellungen, zerstörerisch aber aufGrund falscher was soll diese »Wahrheit«, die für jede mit Bewufst-sein ausgestattete Art eine inhaltlich andere und für keine ein Spiegel-bild der Dinge an sich ist, ihrem Wesen nach anderes bedeuten, alseben diejenige Vorstellung, die im Zusammenhang mit der ganzenspeziellen Organisation, ihren Kräften und Bedürfnissen, zu nützlichenFolgen führt? Sie ist ursprünglich nicht nützlich, weil sie wahr ist,sondern umgekehrt: mit dem Ehrennamen des Wahren statten wir die-