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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Kette der Argumentation C, D, E usw. braucht nur hinreichend langangenommen zu werden, so dals ihr Zurückkehren zu ihrem Ausgangs-punkt sich dem Bewulstsein entzieht, wie die Grölse der Erde demimmittelbaren Blick ihre Kugelgestalt verbirgt und die Illusion erregt,als könnte man auf ihr in gerader Richtung ins Unendliche fortschreiten;und der Zusammenhang, den wir innerhalb unserer Welterkenntnis an-nehmen: dafs wir von jedem Punkte derselben zu jedem anderen durchBeweise hindurch gelangen können scheint dies plausibel zu machen.Wenn wir nicht ein für allemal dogmatisch an einer Wahrheit Haltmachen wollen, die ihrem Wesen nach keines Beweises bedürfe, so liegtes nahe, diese Gegenseitigkeit des Sich-Beweisens für die Grundform des als vollendet gedachten Erkennens zu halten. Das Erkennen istso ein freischwebender Prozefs, dessen Elemente sich gegenseitig ihreStellung bestimmen, wie die Materienmassen es vermöge der Schweretun; gleich dieser ist die Wahrheit dann ein Verhältnisbegriff. Dafsunser Bild der Welt auf diese Weise »in der Luft schwebt«, ist nur inder Ordnung, da ja unsere Welt selbst es tut. Das ist keine zufälligeKoinzidenz der Worte, sondern Hinweisung auf den grundlegenden Zu-sammenhang. Die unserem Geiste eigene Notwendigkeit, die Wahrheitdurch Beweise zu erkennen, verlegt ihre Erkennbarkeit entweder ins Un-endliche oder biegt sie zu einem Kreise um, indem ein Satz nur im Ver-hältnis zu einem anderen, dieser andere aber schliefslich nur im Ver-hältnis zu jenem ersten wahr ist. Das Ganze der Erkenntnis wäre dannso wenig »wahr«, wie das Ganze der Materie schwer ist; nur im Ver-hältnis der Teile untereinander gälten die Eigenschaften, die man vondem Ganzen nicht ohne Widerspruch aussagen könnte.

Diese Gegenseitigkeit, in der sich die inneren Erkenntniselementedie Bedeutung der Wahrheit gewähren, scheint als Ganzes von einerweiteren Relativität getragen zu werden, die zwischen den theoretischenund den praktischen Interessen unseres Lebens besteht. Wir sind über-zeugt, dafs alle Vorstellungen vom Seienden Funktionen besonderer phy-sisch-psychischer Organisation sind, die dasselbe keineswegs mechanischabspiegeln. Vielmehr, die Weltbilder des Insekts mit seinen Facetten-augen, des Adlers mit seinem Sehvermögen von einer uns kaum vor-stellbaren Schärfe, des Grottenolms mit seinen zurückgebildeten Augen,unser eigenes, sowie die unzähligen anderen, müssen durchaus von tief-gehender Verschiedenheit sein, woraus unmittelbar zu schliefsen ist, dafskeines derselben den aufserpsychischen Weltinhalt in seiner an sichseienden Objektivität nachzeichnet. Die so wenigstens negativ charak-terisierten Vorstellungen sind nun aber Voraussetzung, Material, Direktive