Druckschrift 
Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
71
Einzelbild herunterladen
 

71

Art unserer Anschauung, auf den Zwang unserer Denknormen. Sokönnen sich zwar unsere einzelnen Erkenntnisse gegenseitig tragen, in-dem die einmal festgestellten Normen und Tatsachen zum Beweise fürandere werden, aber das Ganze derselben hat seine Gültigkeit nur inBeziehung auf bestimmte physisch-psychische Organisationen, ihre Lebens-bedingungen und die Förderlichkeit ihres Handelns.

Der Begriff der Wahrheit, als einer Beziehung der Vorstellungenzu einander, die an keiner derselben als eine absolute Qualität hafte, be-stätigt sich schliefslich auch dem einzelnen Gegenstände gegenüber.Einen Gegenstand erkennen, so stellt Kant fest, heifst: in dem Mannig-faltigen seiner Anschauung Einheit bewirken. Aus dem chaotischenMaterial unseres Weltvorstellens, dem kontinuierlichen Flufs der Ein-drücke, sondern wir einzelne als zu einander gehörig aus, gruppieren siezu Einheiten, die wir dann als sGegenstände« bezeichnen. Sobald wirdie Gesamtheit der Eindrücke, die zu einer Einheit zusammenzubringensind, wirklich in eine solche versammelt haben, so ist damit ein Gegen-stand erkannt. Was aber kann diese Einheit anderes bedeuten, als dasfunktionelle Zusammengehören, Aufeinanderhinweisen und -angewiesen-sein eben jener einzelnen Eindrücke und Anschauungsmaterialien? DieEinheit der Elemente ist doch nichts aufserhalb der Elemente selbst,sondern die in ihnen' selbst verharrende, nur von ihnen dargestellteForm ihres Zusammenseins. Wenn ich den Gegenstand Zucker dadurchals solchen erkenne, dafs ich die durch mein Bewufstsein gleitenden Ein-drücke: weifs, hart, stifs, kristallinisch usw. in eine Einheit zusammen-füge, so heifst das, dafs ich diese Anschauungsinhalte als aneinander ge-bunden vorstelle, dafs, unter diesen gegebenen Bedingungen, ein Zu-sammenhalt, d. h. eine Wechselwirkung unter ihnen besteht, dafs dereine an dieser Stelle und in diesem Zusammenhang da ist, weil derandere es ist, und so wechselseitig. Wie die Einheit des sozialenKörpers oder der soziale Körper als Einheit nur die gegenseitig aus-geübten Attraktions- und Kohäsionskräfte seiner Individuen bedeutet, einrein dynamisches Verhältnis unter diesen, so ist die Einheit des einzelnenObjekts, in deren geistiger Realisierung seine Erkenntnis besteht, nichtsals eine Wechselwirkung unter den Elementen seiner Anschauung. Auchin dem, was man die »Wahrheit« eines Kunstwerkes nennt, dürfte dasVerhältnis seiner Elemente untereinander sehr viel bedeutsamer sein,gegenüber dem Verhältnis zu seinem Objekt, als man sich klarzumachenpflegt. Sehen wir einmal vom Porträt ab, bei dem wegen des reinindividuellen Vorwurfs das Problem sich kompliziert, so wird man vonkleineren Bestandstücken aus Werken bildender wie redender Kunst