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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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weder den Eindruck der Wahrheit noch den der Unwahrheit empfangen,sie stehen, so weit sie isoliert sind, noch jenseits dieser Kategorie; odervon der anderen Seite angesehen: in Hinsicht der Ansatzelemente, vondenen aus das Kunstwerk weitergebildet wird, ist der Künstler frei;erst wenn er einen Charakter, einen Stil, ein Farben- oder Formelement,einen Stimmungston gewählt hat, ist der Zuwachs der weiteren Teiledadurch präjudiziert. Sie müssen jetzt die Erwartungen erfüllen, die diezuerst auftretenden erregt haben. Diese mögen so phantastisch, will-kürlich, irreal sein, wie sie wollen; sobald ihre Fortsetzungen sich zuihnen harmonisch, zusammenhängend, weiterführend verhalten, wird dasGanze den Eindruck der »inneren Wahrheit« erzeugen, gleichviel obirgend ein einzelner Teil desselben sich mit einer ihm äufseren Realitätdeckt und damit dem Anspruch auf »Wahrheit« im gewöhnlichen undsubstanziellen Sinne genügt oder nicht. Die Wahrheit des Kunstwerkesbedeutet, dafs es als Ganzes das Versprechen einlöst, das ein Teil seineruns gleichsam freiwillig gegeben hat und zwar jeder beliebige, daeben die Gegenseitigkeit des Sichentsprechens jedem einzelnen dieQualität der Wahrheit verschafft. Auch in der besonderen Nüance desKünstlerischen ist also Wahrheit ein Relationsbegriff, sie realisiert sichals ein Verhältnis der Elemente des Kunstwerkes untereinander, undnicht als eine starre Gleichheit zwischen jedem derselben und einem ihmäufseren Objekt, das seine absolute Norm bilde. Wenn demnach Er-kennen überhaupt bedeuten soll: den Gegenstand in seiner »Einheit« er-kennen, so bedeutet es, wie man andrerseits gesagt hat, ihn in seiner»Notwendigkeit« erkennen. Beides steht in einem tiefen Zusammen-hänge. Notwendigkeit ist eine Relation, durch die die gegenseitigeFremdheit zweier Elemente zu einer Einheit wird denn die Formelder Notwendigkeit ist: wenn A ist, so ist B; diese notwendige Beziehungbesagt, dafs A und B die Elemente einer bestimmten Einheit des Seinsoder Geschehens sind wobei »notwendige Beziehung« eine völlig ein-heitliche, und nur durch die Sprache zerlegte und wieder zusammen-gesetzte Relation bedeutet. Jene Einheit des Kunstwerks ist ersichtlichgenau dasselbe wie diese Notwendigkeit; denn sie entsteht eben dadurch,dafs die verschiedenen Elemente des Kunstwerks sich gegenseitig be-dingen, eines notwendig da ist, wenn das andere gegeben ist und sowechselseitig. Und nicht nur unter den so verknüpften Dingen ist dieNotwendigkeit eine Relationserscheinung, sondern an sich selbst undihrem reinen Begriffe nach. Von den beiden allgemeinsten Kategoriennämlich, aus denen wir das Erkenntnisbild der Welt bauen: dem Seinund den Gesetzen enthält keine für sich Notwendigkeit. Dafs über-