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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Rezeptivitäten und produktiven Formungskräften die Welt, die einzige,von der wir sprechen können und die für uns real ist. Andrerseits aberist diese Welt doch der Ursprung der Seele. Von dem glühenden Stoff-ball, als den wir uns den früheren Zustand der Erde denken können undder keinem Leben Raum gab, hat eine allmähliche Entwicklung bis zuder Möglichkeit der Lebewesen geführt und diese, zuerst noch reinmateriell und seelenlos, haben schliefslich, wenn auch auf unbekanntenWegen, die Seele erzeugt. Wenn wir historisch denken, so ist die Seele,mit all ihren Formen und Inhalten, ein Produkt der Welt eben dieserWelt, die doch, weil sie eine vorgestellte ist, zugleich ein Produkt derSeele ist. Werden diese beiden genetischen Möglichkeiten in starrer Be-grifflichkeit fixiert, so ergeben sie einen beängstigenden Widerspruch.Anders aber, wenn jede als ein heuristisches Prinzip gilt, das mit deranderen in dem Verhältnis von Wechselwirkung und gegenseitigem Sich-Ablösen steht. Nichts steht dem Versuch im Wege, jeden beliebigengegebenen Zustand der Welf aus den seelischen Bedingungen herzuleiten,die ihn als einen Vorstellungsinhalt produziert haben; ebensowenig aberdem weiteren, diese Bedingungen auf die kosmischen, historischen,sozialen Tatsachen zurückzuführen, aus denen eine mit diesen Kräftenund Formen ausgestattete Seele entstehen konnte; das Bild jener, derSeele äufserliehen Tatsachen, mag nun seinerseits wieder aus den sub-jektiven Voraussetzungen des naturwissenschaftlichen und historischenErkennens abgeleitet werden und diese wiederum aus den objektiven Be-dingungen ihrer Genesis, und so fort ins Unabsehliche. Natürlich verläuftdas Erkennen niemals in diesem reinlichen Schema, sondern völlig fragmen-tarisch, abgebrochen, zufällig mischen sich die beiden Richtungen; aberihren prinzipiellen Widerspruch löst die Verwandlung beider in heuristi-sche Prinzipien, durch die ihr Gegeneinander in eine Wechselwirkungund ihre gegenseitige Verneinung in den unendlichen Prozefs der Be-tätigung dieser Wechselwirkung aufgelöst wird.

Ich füge hier nur noch zwei Beispiele an, eines sehr spezieller, dasandere sehr allgemeiner Art, in denen die Relativität, d. h. die Gegen-seitigkeit, in der sich Erkenntnisnormen ihre Bedeutung zuerteilen, ent-schiedener in die Form des Nacheinander, der Alternierung, auseinander-gezogen wird. Die inhaltliche Zusammengehörigkeit von Begriffen undtiefgelegenen Elementen des Weltbildes stellt sich häufig gerade als einsolcher Rhythmus zeitlich - wechselseitigen Sich - Ablösens dar. So läfstsich innerhalb der ökonomischen Wissenschaft das Verhältnis zwischender historischen und der auf allgemeine Gesetze ausgehenden Methodeauffassen. Gewifs ist jeder wirtschaftliche Vorgang nur aus einer be-

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