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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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innerhalb eben desselben Vorstellungskomplexes, und ihre Beweisbarkeitist eine wechselseitige. Es sind aber diese beiden Denkbewegungendurch eine eigentümliche Funktionsteilung verbunden. Es scheint un-vermeidlich, unser geistiges Dasein unter zwei, einander ergänzendenKategorien zu betrachten: seinem Inhalte nach und dem Prozeis nach,der als Bewulstseinsereignis diesen Inhalt trägt oder verwirklicht. DieStruktur dieser Kategorien ist eine äulserst verschiedene. Den seelischenProzeis müssen wir uns unter dem Bilde des kontinuierlichen Flielsensvorstellen, er kennt keine starren Absätze, sondern ununterbrochen, wiein einem organischen Wachstum, flielst ein seelischer Zustand in dennächsten über. Unter völlig anderem Aspekt erscheinen die aus demProzeis abstrahierten, in ideeller Selbständigkeit bestehenden Inhalte: alsein Komplex, ein Stufenbau, ein System einzelner Begriffe oder Sätze,entschieden eines von dem anderen abgehoben; das logisch vermittelndeGlied zwischen je zweien zwar die Weiten des Abstandes, aber nichtseine Diskontinuität vermindernd wie die Stufen einer Treppe sichscharf gegeneinander absetzen und damit doch das Mittel zu der konti-nuierlichen Bewegung des Körpers über sie bieten. Wenn nun dasDenken in seinen allgemeinsten Grundlagen und als Ganzes angesehensich im Kreis zu bewegen schien, weil es sich »durch eigenes Schwebenhalten« mufs und kein nov orto hat, das ihm von aufserhalb seiner herHalt gebe so ist damit das Verhältnis zwischen den Inhalten desDenkens bezeichnet. Diese sind sich gegenseitig Hintergrund, so dafsjeder vom anderen seinen Sinn und Ton erhält, diese, indem sie Paaresich ausschliefsender Gegensätze bilden, fordern sich doch gegenseitig zurHerstellung des uns erreichbaren Weltbildes, von diesen wird jeder,durch die ganze Kette des Erkennbaren hindurch, zum Beweisgrund desanderen. Der Prozefs dagegen, in dem sich dieses Verhältnis nunpsychologisch realisiert, folgt dem kontinuierlichen, geradlinigen Verlaufder Zeit, er geht seinem eigenen und inneren Sinne nach ins Unendliche,obgleich der Tod des Individuums seinen Weg verendlicht. In jene beidenFormen, die das Erkennen im einzelnen illusorisch, im ganzen abergerade möglich machen, teilen sich diese beiden Kategorien, unter dieunsere Reflexion es rückt: es verläuft nach dem Schema des regressus ininfinitum, der unendlichen Kontinuität, in eine Grenzenlosigkeit, die dochin jedem gegebenen Augenblick Begrenztheit ist während seine In-halte die andere Unendlichkeit zeigen: die des Kreises, wo jeder PunktAnfang und Ende ist und alle Teile sich wechselseitig bedingen.

Dafs sich die Gegenseitigkeit des Bewahrheitens dem Blicke für ge-wöhnlich verbirgt, geschieht aus keinem anderen Grunde, als aus dem