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Kriterium wie auf einen Felsen gründen — worauf aber ruht der Felsen?Dafs das Erkennen überhaupt der Sicherheit fähig ist, mufs es schonvoraussetzen, um diese Fähigkeit aus jenem Kriterium herzuleiten. DieBehauptung von der Sicherheit der Erkenntnis hat die Sicherheit derErkenntnis zu ihrer Voraussetzung. Ganz entsprechend mag der Skep-tizismus die Unsicherheit und Täuschungschance jedes Erkennens in ihrerprinzipiellen Unwiderleglichkeit hinstellen oder sogar die Unmöglichkeiteiner Wahrheit, den inneren Widerspruch ihres Begriffes behaupten:diesem Resultate des Denkens über das Denken mufs es doch auchdieses, das skeptische Denken selbst, unterordnen. Hier ist wirklich derverderbliche Zirkel gegeben: wenn alles Erkennen trügerisch ist, so istes doch auch der Skeptizismus selbst, womit er dann sich selbst auf-hebt. Der Kritizismus endlich mag alle Objektivität, alle wesentliche
Form der Erkenntnisinhalte aus den Bedingungen der Erfahrungherleiten: dafs die Erfahrung selbst etwas gültiges ist, kann er nichtbeweisen. Die Kritik, die er an allem Transszendenten und Transszenden-talen übt, ruht auf einer Voraussetzung, gegen die sich die gleichekritische Frage nicht wenden kann, ohne dem Kritizismus selbst denBoden unter den Füfsen wegzuziehen. So scheint hier den Erkenntnis-prinzipien eine tj’pische Gefahr zu drohen. Indem das Erkennen sichselbst prüft, wird es in eigener Sache Richter, es bedarf eines Stand-punktes jenseits seiner selbst und steht vor der Wahl, entweder seineSelbsterkenntnis von der Prüfungsnotwendigkeit oder Normierung, diees allen anderen Erkenntnisinhalten auferlegt, zu eximieren und damiteinen Angriffspunkt in seinem Rücken zu lassen — oder sich selbstdiesen Gesetzen unterzuordnen, den Prozefs selbst den Resultaten, zudenen er selbst erst geführt hat, und damit einen zerstörenden Kreis-schlufs zu begehen, wie es am klarsten jene Selbstvernichtung desSkeptizismus zeigte. Das relativistische Erkenntnisprinzip allein fordertfür sich selbst keine Ausnahme von sich selbst: es wird dadurch nichtzerstört, dafs es selbst nur relativ gilt. Denn mag es — historisch,sachlich, psychologisch — nur in Alternierung und Balancierung mitanderen, absolutistischen oder substantialistischen gelten, so ist ebendieses Verhältnis zu seinem eigenen Gegenteil ja selbst ein relativisti-sches. Die Heuristik, die nur die Folge oder Anwendung des relativi-stischen Prinzips auf die Erkenntniskategorien ist, kann es sich ohnejeden Widerspruch gefallen lassen, dafs sie selbst ein heuristisches Prinzipist. Die Frage nach dem Grunde des Prinzips, die in dem Bereich desPrinzips selbst nicht einbegriffen sei, wird dem Relativismus nicht ver-derblich, weil er diesen Grund in das Unendliche hinausschiebt, d. h.