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alles Absolute, das sich darzubieten scheint, in eine Relation aulzulösenstrebt und mit dem Absoluten, das sich als der Grund dieser neuenRelation bietet, wieder ebenso verfährt — ein Prozeis, der seinem Wesennach keinen Stillstand kennt und dessen Heuristik die Alternativeaulhebt: das Absolute zu leugnen oder es anzuerkennen. Denn es istgleichviel, ob man dies so ausdrückt: es gibt ein Absolutes, aber eskann nur in einem unendlichen Prozefs erlalst werden, oder: es gibt nurRelationen, aber sie können das Absolute nur in einem unendlichenProzeis ersetzen. Der Relativismus kann das radikale Zugeständnismachen, dals es dem Geiste allerdings möglich sei, sich jenseits seinerselbst zu stellen. In jenen, nur an e i n e m Gedanken haltmachenden unddamit die Relation in ihrer unendlichen Fruchtbarkeit ausschlielsendenPrinzipien erhob sich der Selbstwiderspruch: dals der Geist über sichselbst richten sollte, dals er seinem delinitiven Spruch entweder selbstuntertan war oder sich ihm entzog und beides gleichmälsig ihre Geltungentwurzelte. Der Relativismus aber erkennt ohne weiteres an: überjedem Urteil, das wir lällen, steht ein höheres, das entscheidet, ob jenesrecht hat; dieses zweite aber, die logische Instanz, die wir uns selbstgegenüber bilden, bedarf selbst wieder, als ein psychologischer Vorgangangesehen, der Legitimation durch ein höheres, an dem sich derselbeProzeis wiederholt — sei es ins Unendliche fortschreitend, sei es so,dals die Legitimierung zwischen zwei Urteilsinhalten alternierte oderdafs ein und derselbe Inhalt einmal als psychische Wirklichkeit, einandermal als logische Instanz lunktionierte. Diese Ansicht hebt nunauch den anderen Erkenntnisprinzipien gegenüber die Gefahr der Selbst-verneinung auf, in die ihre Unterordnung unter sich selbst sie brachte.Es ist nicht richtig, dafs, wenn der Skeptizismus die Möglichkeit derWahrheit leugnet, diese Meinung selbst unwahr sein mufs, ebensowenigwie die pessimistische Meinung von der Schlechtigkeit alles Wirklichenden Pessimismus selbst zu einer schlechten Theorie macht. Denn esist tatsächlich die fundamentale Fähigkeit unseres Geistes, sich selbstzu beurteilen, sein eigenes Gesetz über sich selbst zu stellen. Dies istnichts als ein Ausdruck oder eine Erweiterung der Urtatsache desSelbstbewufstseins. Unsere Seele besitzt keine substantielle Einheit,sondern nur diejenige, die sich aus der Wechselwirkung des Subjektsund des Objekts ergibt, in welche sie sich selbst teilt. Dies ist nichteine zufällige Form des Geistes, die auch anders sein könnte, ohne unserWesentliches zu ändern, sondern ist seine entscheidende Wesensformselbst. Geist haben, heilst nichts anderes als diese innere Trennungvornehmen, sich selbst sich zum Objekt machen, sich selbst wissen zu
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