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können. Dafs es »kein Subjekt ohne Objekt, kein Objekt ohne Subjekt«gibt, verwirklicht sich zuerst innerhalb der Seele selbst, sie erhebt sichals die wissende über sich selbst, die gewulste, und indem sie diesesWissen ihrer selbst wiederum weils, verläuft ihr Leben prinzipiell ineinem progressus in infinitum, dessen jeweilig aktuelle Form, gleichsam seinQuerschnitt, die Kreisbewegung ist: das seelische Subjekt weifs sich alsObjekt und das Objekt als Subjekt. Indem der Relativismus als Er-kenntnisprinzip sich mit der Unterordnung unter sich selbst, dieso vielen absolutistischen Prinzipien verderblich wird, gerade von vorn-herein selbst beweist, drückt er nur am reinsten aus, was er auchjenen anderen leistet: die Legitimierung des Geistes, über sich selbst zuurteilen, ohne durch das Ergebnis dieses Urteilsprozesses, wie es auchausfalle, den Prozefs selbst illusorisch zu machen. Denn dieses Sich-jenseits-seiner-selbst-Stellen erscheint jetzt als der Grund alles Geistes,er ist zugleich Subjekt und Objekt, und nur wenn der in sich unendlicheProzefs des Sich-selbst-Wissens, Sich-selbst-Beurteilens an irgend einemGlied abgeschnitten und dieses als das absolute allen anderen gegen-übergestellt wird, wird es zu einem Selbstwiderspruch, dafs das Er-kennen, das sich in einer bestimmten Weise beurteilt, zugleich, um diesesUrteil fällen zu können, für sich eine Ausnahme von dem Inhalt diesesUrteils beansprucht.
Man hat vielfach die relativistische Anschauung als eine Herab-setzung des Wertes, der Zuverlässigkeit und Bedeutsamkeit der Dingeempfunden, wobei übersehen wird, dafs nur das naive Festhalten irgendeines Absoluten, das ja gerade in Frage gestellt ist, dem Relativendiese Stellung zuweisen könnte. Eher liegt es in Wirklichkeit umge-kehrt: durch die ins Unendliche hin fortgesetzte Auflösung jedes starrenFürsichseins in Wechselwirkungen nähern wir uns überhaupt erst jenerfunktionellen Einheit aller Weltelemente, in der die Bedeutsamkeit einesjeden auf jedes andere überstrahlt. Darum steht der Relativismus auchseinem extremen Gegensatz, dem Spinozismus mit seiner allumfassendensubstantia sive Deus, näher als man glauben möchte. Dieses Absolute,das keinen anderen Inhalt hat als den Allgemeinbegriff des Seins über-haupt, schliefst demnach in seine Einheit alles ein, was überhaupt ist.Die einzelnen Dinge können nun allerdings kein Sein für sich mehrhaben, wenn alles Sein seiner Realität nach schon in jene göttliche Sub-stanz ebenso vereinheitlicht worden ist, wie es seinem abstrakten Begriffnach, eben als Seiendes überhaupt, eine Einheit bildet. Alle singulärenBeständigkeiten und Substanzialitäten, alle Absolutheiten zweiter Ordnungsind nun so vollständig in jene eine aufgegangen, dafs man direkt sagen