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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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Wirkung, in der die Wirklichkeit verläuft, mit der substanziellen Existenzzu vereinigen, in die die Praxis eben die abstrakte Beziehung als solchekleiden mufs. Jene Projizierung blofser Verhältnisse auf Sondergebildeist eine der grofsen Leistungen des Geistes, indem in ihr der Geist zwarverkörpert wird, aber nur um das Körperhafte zum Gefäfs des Geistigenzu machen und diesem damit eine vollere und lebendigere Wirksamkeitzu gewähren. Mit dem Gelde hat die Fähigkeit zu solchen Bildungenihren höchsten Triumph gefeiert. Denn die reinste Wechselwirkung hatin ihm die reinste Darstellung gefunden, es ist die Greifbarkeit des Ab-straktesten, das Einzelgebilde, das am meisten seinen Sinn in der Über-einzelheit hat; und so der adäquate Ausdruck für das Verhältnis desMenschen zur Welt, die dieser immer nur in einem Konkreten und Sin-gulären ergreifen kann, die er aber doch nur wirklich ergreift, wenndieses ihm zum Körper des lebendigen, geistigen Prozesses wird, deralles Einzelne ineinander verwebt und so erst aus ihm die Wirklichkeitschafft. Diese Bedeutung seiner würde sich nicht ändern, auch wenn dieGegenstände der Wirtschaft die Relativität ihres Wertes nicht von vorn-herein, sondern erst als ein Entwicklungsziel besäfsen. Denn den Be-griff, mit dem wir das Wesen einer Erscheinung definieren, können wirhäufig garnicht aus ihr selbst, sondern nur aus einer vorgeschrittenerenund reineren schöpfen. Das Wesen der Sprache werden wir nicht denersten Stammellauten des Kindes entnehmen; an einer Definition destierischen Lebens wird es uns nicht irre machen, wenn sie an den Über-gangswesen von der Pflanze her nur sehr unvollkommen verwirklicht ist;erst an den höchsten Erscheinungen des Seelenlebens erkennen wir oftden Sinn seiner niederen, trotzdem wir ihn an diesen selbst vielleichtüberhaupt nicht nachweisen können; ja, der reine Begriff einer Er-scheinungsreihe ist oft ein Ideal, das in ihr selbst nirgends restlos ver-wirklicht ist, aber dennoch dadurch, dafs sie ihm zustrebt, ihren Sinnund Gehalt gültig deutet. So ist die Bedeutung des Geldes: die Rela-tivität der begehrten Dinge, durch die sie zu wirtschaftlichen Wertenwerden, in sich darzustellen dadurch nicht verneint, dafs es nochandere, jene herabsetzende und verundeutlichende Seiten besitzt. Insoferndiese an ihm wirken, ist es eben nicht Geld. Wenn der wirtschaftlicheWert in dem Tauschverhältnis von Objekten gemäfs unserer subjektivenReaktion auf sie besteht, so entwickelt sich eben ihre wirtschaftlicheRelativität erst allmählich aus ihrer anderweitigen Bedeutung und kannin ihrem Gesamtbilde, oder auch Gesamtwerte, nie völlig über diese Herrwerden. Der Wert, der den Dingen durch ihre Tauschbarkeit zuwächst,bezw. diese Metamorphose ihres Wertes, durch die er zu einem wirt-

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