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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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wirtschaftlichen Kosmos. Der Abstand, der das Subjektive und das Ob-jektive aus ihrer ursprünglichen Einheit voneinandergetrieben hat, ist imGeld sozusagen körperhaft geworden während andrerseits sein Sinnist, getreu der oben behandelten Korrelation von Distanz und Nähe, unsdas sonst Unerreichbare nahe zu bringen. Die Tauschbarkeit, durch diees überhaupt erst wirtschaftliche Werte gibt, indem diese durch jeneihr objektives Füreinandersein erhalten, und die doch die Entfernung desAusgetauschten und die Annäherung des Eingetauschten in einem Aktzusammenschliefst, hat in dem Gelde nicht nur ihr technisch vollendetstesMittel, sondern eine eigne, konkrete, alle Bedeutungen jener in sichsammelnde Existenz gewonnen.

Dies ist die philosophische Bedeutung des Geldes: dafs es innerhalbder praktischen Welt die entschiedenste Sichtbarkeit, die deutlichsteWirklichkeit der Formel des allgemeinen Seins ist, nach der die Dingeihren Sinn aneinander finden und die Gegenseitigkeit der Verhältnisse,in denen sie schweben, ihr Sein und Sosein ausmacht.

Es gehört zu den Grundtatsachen der seelischen Welt, dafs wir Ver-hältnisse zwischen mehreren Elementen des Daseins in besonderen Ge-bilden verkörpern; diese sind freilich auch substanzielle Wesen für sich,aber ihre Bedeutung für uns haben sie nur als Sichtbarkeit einesVerhältnisses, das in loserer oder engerer Weise an sie gebunden ist.So ist der Ehering, aber auch jeder Brief, jedes Pfand, wie jede Be-amtenuniform Symbol oder Träger einer sittlichen oder intellektuellen,einer juristischen oder politischen Beziehung zwischen Menschen, ja, jedersakramentale Gegenstand das substanziierte Verhältnis zwischen demMenschen und seinem Gott; die Telegraphendrähte, die die Länder ver-binden, sind nicht weniger als die militärischen Waffen, die ihre Ent-zweiung ausdrücken, derartige Substanzen, die kaum eine Bedeutung fürden Einzelmenschen als solchen, sondern einen Sinn nur in den Be-ziehungen zwischen Menschen und Menschengruppen haben, die in ihnenkristallisiert sind. Gewifs kann die Vorstellung der Beziehung oder desVerhältnisses schon als eine Abstraktion gelten, insofern nur die Elementereal sind, deren wechselseitig bewirkte Zustände wir so zu eignen Begriffenzusammenfassen; erst die metaphysische Vertiefung, die das Erkennenin seiner empirischen Richtung, aber über seine empirischen Grenzenhinaus verfolgt, mag auch diese Zweiheit aufheben, indem sie überhauptkeine substanziellen Elemente mehr bestehen läfst, sondern jedes derselbenin Wechselwirkungen und Prozesse auf löst, deren Träger demselbenSchicksal unterworfen werden. Das praktische Bewufstsein aber hat dieForm gefunden, um die Vorgänge der Beziehung oder der Wechsel-