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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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die naturale Einheit als gleichwertig der Münzeinheitdieses letzteren behandelt. So setzten die alten Iren, als sie inBeziehung zu den Römern traten, ihre Werteinheit, die Kuh, gleich einerUnze Silber; die wilden Bergstämme in Annam, die nur Naturaltauschtreiben, haben den Büffel als Grundwert, und bei ihrem Verkehr mitden kultivierteren Bewohnern der Ebene wird die Werteinheit dieser,eine Silberstange von bestimmter Gröfse, gleich einem Büffel gewertet.Derselbe Grundzug ist bei einem wilden Volksstamm nahe Laos wirk-sam: diese treiben nur Tauschhandel, ihre Einheit ist die eiserne Hacke.Aber sie waschen Flufsgold aus, das sie den Nachbarstämmen verkaufenund das der einzige Gegenstand ist, den sie wägen. Dazu haben siekein anderes Mittel als das Maiskorn; und nun verkaufen sie je einMaiskorn Gold für je eine Hacke! Da die Wareneinheit des Natural-tausches ebenso die Wertidee des ganzen Objektskreises versinnlicht odervertritt, wie die Geldeinheit die des Münzkomplexes, so ist diese Formu-lierung: Eins gegen Eins nur die naiv ausgedrückte Äquivalenz derfraglichen Gesamtheiten. Man darf wohl annehmen, dafs das Verhältnisder Einheiten als mindestens symbolische Darstellung des Verhältnissesder Ganzheiten empfunden wird.

Liegt nun aber einmal die Äquivalenz der letzteren gleichsam alswirksames, wenn auch nicht gewufstes Apriori zum Grunde, so stelltsich über dessen subjektiver Zufälligkeit eine objektive Proportionzwischen den Teilquanten her. Denn nun ist wirklich etwas da, wasauf beiden Seiten das genau Gleiche ist: nämlich der Bruch zwischenjeder der beiden vorliegenden Teilgröfsen und dem absoluten Quantum,zu dem die einzelne gehört. Vollkommene Ausgeglichenheit aller Ver-schiebungen und zufälligen Ungleichmäfsigkeiten in der Preisbildung vor-ausgesetzt, würde sich in dem Bezirke des Geld-Waren-Tausches jedeWare zu ihrem Preis verhalten, wie alle momentan ökonomisch wirk-samen Waren zu allem momentan wirksamen Geld. Ob dieses letzteremit dem anderen eine begriffliche, qualitative Verwandtschaft hat, isthierbei völlig irrelevant. Wenn eine Ware also 20 m kostet, so ist dies1/n des Geldvorrats überhaupt; d. h. sie ist an Wert 1/n des Güter-vorrats überhaupt. Durch diese Vermittlung hindurch können 20 m sievöllig messen, obgleich sie generell von ihr völlig verschieden sind;wobei immer wieder betont werden mufs, dafs die Voraussetzung einereinfachen Beziehung zwischen allen Waren und allem Geld eine ganzvorläufige, rohe und schematische ist. Dafs die Ware und ihr Mafsstabgleichen Wesens sein müssen, wäre eine richtige Forderung, wenn maneine einzelne Ware unmittelbar einem Geldwert gleich zu setzen hätte.