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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Persönlichkeit, der innerhalb eines bestimmten Kreises despotisches Ver-fügungsrecht über alles zustünde, worauf ihr Wunsch sich richtet wieman von Häuptlingen in der Südsee sagt, dafs sie »nicht stehlen können«,weil ihnen von vornherein alles gehört, so würde ein solches Wesenniemals Veranlassung haben, sich auch das Geld dieses Kreises anzu-eignen, da es ja alles dessen, was es für Geld haben könnte, sich auchohne dies unmittelbar bemächtigen darf. Wäre das Geld ein Wert, derzu den sonst vorhandenen Werten hinzukäme, so würde sich sein Wunschdarauf so gut wie auf diese anderen richten können. Geschieht das nunin dem hier fingierten Fall einleuchtender Weise nicht, so scheint zufolgen, dafs das Geld wirklich nur eine reine Vertretung realer Wertefst, deren es deshalb nicht mehr bedarf, sobald uns eben diese auch ohnejenes zugängig sind. Dieser einfache Gedanke setzt indes voraus, was erbeweisen will: dafs das Geldsubstrat keinen eigenen, neben seiner Geld-iunktion noch gültigen Wert habe. Denn hätte es einen solchen, sokönnte es auch von jenem Machthaber begehrt werden, freilich nicht umseiner Bedeutung als Geld, sondern um seines anderweitigen, nämlichsubstanziellen Wertes willen. Fehlt dagegen dieser Wert von vornherein,so braucht sein Fehlen nicht nochmals bewiesen zu werden. Über dieselogische Unzulänglichkeit hinaus macht aber der Fall allerdings die eigen-tümliche Wertart des Geldes klar. Den Wert, den das Geld als solchesbesitzt, hat es als Tauschmittel erworben; wo es also nichts zu tauschengibt, hat es auch keinen Wert. Denn ersichtlich steht seine Bedeutungals Aufbewahrungs- und Transportmittel nicht in derselben Linie, sondernist ein Derivat seiner Tauschfunktion, ohne welche es jene anderenFunktionen niemals üben könnte, während sie selbst von diesen unab-hängig ist. So wenig für denjenigen, dem aus irgendeinem Grunde diefür Geld erlangbaren Güter wertlos sind, das Geld noch einen Wert hat,so wenig für denjenigen, der kein Geld braucht, um jene zu erlangen.Kurz, das Geld ist Ausdruck und Mittel der Beziehung, des Aufeinander-angewiesenseins der Menschen, ihrer Relativität, die die Befriedigung derWünsche des einen immer vom anderen wechselseitig abhängen läfst; esfindet also da keinen Platz, wo gar keine Relativität stattfindet sei es,weil man von den Menschen überhaupt nichts mehr begehrt, sei es, weilman in absoluter Höhe über ihnen also gleichsam in keiner Relationzu ihnen steht und die Befriedigung jedes Begehrens ohne Gegen-leistung erlangen kann. So angesehen verhielte sich die Welt des Geldeszu der der konkreten Werte wie Denken und Ausdehnung bei Spinoza :eine kann überhaupt nicht in die andere eingreifen, weil jede schon fürsich und in ihrer Sprache die ganze Welt ausdrückt; d. h., die Summe