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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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schiedener. Im 16. Jahrhundert schlug ein französischer Staatsmann vor,man solle doch künftig das Silber nicht mehr als Geld verwenden,sondern die Münzen aus Eisen prägen und zwar von dem Gesichts-punkt aus, dafs die Masseneinfuhr des Silbers aus Amerika diesemMetall seine Seltenheit raubte. Nähme man dagegen ein Metall, dasausschliefslich durch die staatliche Prägung überhaupt einen Wert erhält,so läge darin eine gröfsere Garantie für die erforderliche Eingeschränkt-heit des Geldquantums; während, wenn jeder Besitzer von Silber damitunmittelbar auch Geld habe, es an jeder Grenze für seine Masse fehle.Dieser merkwürdige Vorschlag zeigt also ein sehr klares Gefühl dafür,dafs Edelmetall nicht als solches der geeignete Geldstoff ist, sondern nurinsofern es der Geldherstellung die unentbehrliche Grenze steckt; sodafs, wenn es dies zu tun aufhört, irgend ein anderes Substrat, zudessen Einschränkbarkeit man gröfseres Vertrauen hat, an seine Stellezu treten hat wie es denn überhaupt nur bestimmte funktionelleQualitäten der Edelmetalle sind, die ihnen den Vorzug als Zirkulations-mittel verschaffen, und, wenn diese ihnen einmal aus irgend einemGrunde fehlen, ein anderes in diesen Hinsichten besser qualifiziertesUmlaufsmittel an ihre Stelle tritt: in Genua trieb im Jahre 1673 ein-gestandenermafsen die elende Beschaffenheit und unberechenbare Ver-schiedenheit der einströmenden Münzen dazu, den Verkehr auf Wechselund Anweisungen zu basieren. Wir wissen heute nun freilich, dafs nurdie Edelmetalle, oder sogar nur das Gold die Garantie für die erforder-lichen Qualitäten, insbesondere für die Quantitätsbeschränkung gibt, unddafs Papiergeld der Gefahr des Mifsbrauchs durch willkürliche Ver-mehrung nur durch ganz bestimmte Bindungen an Metallwert entgeht,die entweder durch Gesetz oder durch die Wirtschaft selbst fixiert sind.Wie wirksam die Zweckmäfsigkeit dieser Einschränkung ist so dafssie sogar über den primären individuellen Nutzen völlig Herr werdenkann zeigt z. B. die folgende Erscheinung. Während des Bürger-krieges in den Vereinigten Staaten war in den westlichen Staaten dieZirkulation des Papiergeldes der Greenbacks tatsächlich aus-geschlossen ; obgleich sie gesetzliches Zahlungsmittel waren, wagteniemand, ein in Gold empfangenes Darlehen in ihnen zurückzuzahlen,wobei er einen Gewinn von 150°/o gemacht hätte. Ähnlich ging es so-gar anfangs des 18. Jahrhunderts mit Schatzbons, die die französischeRegierung in grofser Geldnot ausgab. Obgleich sie durch Gesetz be-stimmte, dafs von jeder Zahlung ein Viertel in diesen Bons geleistetwerden dürfe, so fielen sie dennoch sehr bald auf einen ganz geringenBruchteil ihres Nominalwertes. Solche Fälle beweisen, wie sehr die