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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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relativen Elastizitätsmangel nennen könnte: sie besteht darin, dafs einneues, innerhalb eines Wirtschaftskreises verteiltes Geldquantum diePreise nicht nach ihren bisher bestehenden Proportionenerhöht, sondern neue Preisverhältnisse zwischen ihnen schafft, und zwarauch ohne dafs die Macht individueller Interessenten diese Verschiebungbewirkt. Sie beruht vielmehr auf den Folgen der Tatsache, dafs derGeldpreis einer Ware, trotz seiner Relativität und seiner inneren Zu-sammenhangslosigkeit mit der Ware, dennoch bei längerem Besteheneine gewisse Festigkeit annimmt und daraufhin als das sachlich an-gemessene Äquivalent erscheint. Wenn der Preis eines Gegenstandeslange Zeit hindurch sich auf einem bestimmten Durchschnittsniveauinnerhalb bestimmter Schwankungsgrenzen gehalten hat, so pflegt erdiese Höhe auf Grund einer Änderung des Geldwertes nicht zu ver-lassen, ohne irgend einen Widerstand zu leisten. Die Assoziationnach Begriffen wie nach Interessen zwischen dem Gegenstand undseinem Preise ist psychologisch so fest geworden, dafs weder der Ver-käufer dessen Sinken, noch der Käufer dessen Steigen mit jener Leichtig-keit zugeben, die selbstverständlich sein müfste, wenn der Ausgleichzwischen Geldwert und Warenwert wirklich durch denselben hemmungs-losen Mechanismus erfolgte, durch den das Thermometer je nach derLufttemperatur steigt oder sinkt, ohne die Genauigkeit der Proportionzwischen Ursache und Wirkung durch eine Verschiedenheit des Wider-standes zu stören, den es der einen Bewegung mehr als der anderenentgegensetze. Auch wenn man plötzlich noch einmal soviel Geld inder Tasche hat, als kurz vorher, ist man doch nicht geneigt, nun ebensoplötzlich für jede Ware das Doppelte wie vorher aufzuwenden; manwird allerdings vielleicht, im Übermut des neuen Besitzes, dessen Be-deutung man unvermeidlich nicht nach dem neuen, sondern nach demvon früher gewohnten Mafsstab schätzt, nach dem Preise überhauptnicht fragen. Allein das Überschreiten des jetzt angemessenen zeigtnicht weniger als das Dahinter-Zurückbleiben, dafs von einer propor-tionalen Regulierung der Preise wenigstens in der ersten Zeit der Geld-plethora nicht die Rede sein kann, dafs in diese Regulierung vielmehrdie festgewordene Assoziation zwischen der Ware und dem gewohntenPreis-Spielraum immerzu ablenkend eingreift. Ferner wird sich dieNachfrage nach den Waren bei einer, wenn auch alle Wirtschaftendengleichmäfsig treffenden, Herab- oder Heraufsetzung ihres Geldbesitzessehr verschieben. Im ersteren Falle werden z. B. bisher ziemlich gleich-mälsig verkäufliche Objekte bis zu einem gewissen Mafs des Umfangesoder der Überflüssigkeit noch für die Hälfte des Preises abzusetzen sein,