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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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gehaltenen Charakters berauben. Nach solchen Analogien mag sichdas Verhältnis zwischen dem substanziellen Eigenwert des Geldes undseinem blols funktionellen und symbolischen Wesen entwickeln: immermehr ersetzt das zweite den ersteren, während irgendein Mafs diesesersteren noch immer vorhanden sein mufs, weil bei absoluter Vollendungdieser Entwicklung auch der Funktions- und Symbolcharakter des Geldesseinen Halt und seine zweckmäfsige Bedeutung einbüfsen würde.

Es handelt sich aber hiermit nicht nur um eine formale Analogieinnerlich verschiedener Entwicklungen, sondern um die Einheit destieferen Lebenssinnes, der sich in dieser äufseren Gleichheit verwirklicht.Mit der Vielheit der Elemente und Tendenzen, als deren Ineinander undDurcheinander das Leben sich vorfindet, scheinen wir praktisch nur soauszukommen, dafs wir unser Verhalten auf jedem Gebiet und in jederPeriode von einem einheitlichen und einseitigen Prinzip absolut regierenlassen. Auf diesem Wege aber holt jene Mannigfaltigkeit des Wirklichenuns immer wieder ein und verwebt unsere subjektive Bestrebung mitallen gegensätzlichen Faktoren zu einem empirischen Dasein, in dem dasIdeal überhaupt erst in die Wirklichkeit eintreten kann; das bedeutetdurchaus keine Dementierung jenes, vielmehr ist das Leben auf solcheabsolute Bestrebungen als Elemente seiner eingerichtet, wie die physi-kalische Welt auf Bewegungen, die, ungestört sich selbst überlassen, zuUnausdenkbarem führen würden, aber nun, mit hemmenden Gegen-wirkungen zusammenstofsend, gerade das vernunftmäfsige Naturgeschehenergeben. Und wenn die praktische Welt so zustande kommt, dafs unserWollen eine Richtung ins Ungemessene verfolgt und erst durch Ab-biegungen und Zurückbiegungen gleichsam zu dem Aggregatzustand desWirklichen gelangt, so hat auch hier das praktische Gebilde das theo-retische vorgeformt: auch unsere Begriffe von den Dingen bilden wirunzählige Male so, dafs die Erfahrung sie in dieser Reinheit und Ab-solutheit überhaupt nicht zeigen, sondern dafs erst Abschwächung undEinschränkung durch entgegengesetzt gerichtete ihnen eine empirischeForm geben kann. Darum aber sind jene Begriffe nicht etwa verwerf-lich ; sondern gerade durch dies eigentümliche, exaggerierende und wiederreduzierende Verfahren an Begriffen und Maximen kommt das unsererErkenntnis beschiedene Weltbild zustande. Die Formel, mit der unsereSeele zu der ihr unmittelbar nicht zugängigen Einheit der Dinge gleich-sam nachträglich, nachbildend, ein Verhältnis gewinnt, ist, im Praktischenwie im Theoretischen, ein primäres Zusehr, Zuhoch, Zurein, dem zurück-dämmende Gegensätze die Konsistenz und den Umfang der Wirklichkeitwie der Wahrheit eintragen. So bleibt der reine Begriff des Geldes: