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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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tendenz ein. Es gibt historische Epochen, in denen z. B. die letztere dieEntwicklung der Zustände beherrscht, und zwar nicht nur in Wirklich-keit, sondern auch als Folge idealer Gesinnungen und als Ausdruck einerfortschreitenden, der Vollkommenheit sich nähernden Gesellschaftsver-fassung. Wenn nun aber die Parteipolitik einer solchen Zeit schliefst:da jeder Fortschritt jetzt auf einem Anwachsen des sozialistischen Ele-mentes beruht, so wird das vollkommenste Herrschen desselben der fort-geschrittenste und ideale Zustand sein so übersieht sie, dafs jenerganze Erfolg von Mafsregeln sozialistischer Tendenz daran gebunden ist,dafs sie in eine im übrigen noch individualistische Wirtschaftsordnunghineingebracht werden. Alle durch ihre relative Zunahme bedingtenFortschritte gestatten garnicht den Schlufs, dafs ihr absolutes Sich-Durchsetzen einen weiteren Fortschritt darstellen würde. Ganz ent-sprechend geht es in den Perioden des steigenden Individualismus. DieBedeutung der von ihm geleiteten Mafsregeln ist daran gebunden, dafsnoch immer Institutionen zentralistischen und sozialisierenden Charaktersvorhanden sind, die zwar mehr und mehr herabgedrückt werden können,deren völliges Verschwinden aber auch jene zu sehr unerwarteten undvon ihren bisherigen sehr verschiedenen Erfolgen führen würde. Ähn-lich verhält es sich in den künstlerischen Entwicklungen mit den natura-listischen und den stilisierenden Bestrebungen. Jeder gegebene Momentder Kunstentwicklung ist eine Mischung aus blofser Abspiegelung derWirklichkeit und subjektiver Umbildung derselben. Nun mag, vom Stand-punkt des Realismus aus, die Kunst durch fortwährendes Wachsen desobjektiven Elementes sich immer vollkommener entwickeln. Allein indem Augenblick, wo dies den alleinigen Inhalt des Kunstwerkes bildete,würde das bis dahin immer gesteigerte Interesse plötzlich in Gleichgültig-keit Umschlägen, weil das Kunstwerk dann sich von der Wirklichkeitnicht mehr unterscheiden und die Bedeutung seiner Sonderexistenz ein-büfsen würde. Andrerseits mufs die Steigerung des verallgemeinerndenund idealisierenden Momentes, so sehr es eine Zeitlang die Kunst ver-edeln mag, an einen Punkt kommen, wo die Ausscheidung jeder indivi-dualistischen Zufälligkeit ihr die Beziehung zur Wirklichkeit überhauptnehmen mufs, die jene idealistische Bewegung gerade in immer reinererund vollkommenerer Form darstellen sollte. Kurz, eine Reihe der wich-tigsten Entwicklungen vollziehen sich nach dem Schema: dafs das immersteigende Übergewicht eines Elementes einen gewissen Erfolg immersteigert, ohne dafs doch die absolute Herrschaft jenes und völlige Eli-minierung des entgegengesetzten diesen Erfolg nun auch auf seine ab-solute Höhe höbe; umgekehrt würde jene ihn sogar seines bisher inne-