Druckschrift 
Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
158
Einzelbild herunterladen
 

158

Silber. Der aufkommende zentralistisch-despotische Staat bedeutete einviel engeres und lebendigeres Verhältnis zwischen den politischen Fak-toren: die Vorstellung ihrer organischen Einheit bildet das Gemeinsameder Fürstenideale, vom letat cest moi bis zum Könige als dem erstenDiener seines Volkes. Wenn nun auch hier das Interesse der Regierungnoch an dem Hereinbringen möglichst reichlicher Geldsubstanz haftet,so entspricht es doch der regeren Wechselwirkung zwischen Haupt undGliedern des Staatskörpers, der Belebtheit der Staatsexistenz als solcher,dafs nicht mehr in dem substanziellen Besitze, sondern in der Fruchtbar-keit des Geldes für das Gedeihen der Industrie usw. der Endzweckseines Erwerbes gesucht wurde. Als dann die liberalen Tendenzen dasstaatliche Leben zu immer freierem Flufs, immer ungehemmterer Ge-schmeidigkeit, immer labilerem Gleichgewicht der Elemente führten,war die materielle Grundlage für die Theorie Adam Smiths gegeben:dafs Gold und Silber blofse Werkzeuge sind, nicht anders als Koch-geräte, und dafs ihr Import an und für sich so wenig den Wohlstandder Länder steigere, wie man durch die Vermehrung der Kochgeräteschon mehr zu essen habe. Haben sich schliefslich die alten sub-stanziellen Ordnungen soweit aufgelöst, um anarchistische Ideale zu er-möglichen, so wird in ihnen begreiflicherweise auch diese Richtung derGeldtheorie ihr Extrem erreichen. Proudhon, der alle festen Staats-gebilde beseitigen und die freie unmittelbare Wechselwirkung der In-dividuen als die einzig richtige Form des sozialen Lebens anerkennenwill, bekämpft den Gebrauch des Geldes überhaupt; denn in ihm siehter ein genaues Analogon jener Herrschaftsgebilde, die aus den Individuenihre lebendige Wechselwirkung heraussaugen und in sich kristallisieren.Es müsse daher die Tauschbarkeit der Werte ohne Dazwischenkunftdes Geldes begründet werden, ebenso wie die Regierung der Gesell-schaft durch alle Bürger ohne Dazwischenkunft des Königs; und wieman jedem Bürger das Stimmrecht gegeben habe, so müsse jede Warean und für sich und ohne Vermittlung des Geldes zum Wertrepräsen-tanten werden. Mit der Ansicht Adam Smiths ist die Richtung aufdie hier vertretene Geldtheorie eingeschlagen, die man im Gegensatz zuden materialistischen, als transszendentale bezeichnen kann. Denn wennder Materialismus erklärt: der Geist ist Materie so lehrt die Trans-szendentalphilosophie: auch die Materie ist Geist. Nicht um den Geistim Sinn des Spiritualismus handelt es sich, der auch eine Substanz, einruhendes Sein, wenn auch immaterieller Art ist; sondern um die Er-kenntnis, dafs jegliches Objekt, körperhafter oder geistiger Art, für unsnur besteht, insofern es von der Seele in ihrem Lebensprozefs erzeugt