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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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wird, oder genauer: insofern es eine Funktion der Seele ist. Wenn nundie materialistische Auffassung des Geldes als Irrtum erscheint, so zeigtdie historische Betrachtung, dafs es kein zufälliger war, sondern derangemessene theoretische Ausdruck eines tatsächlichen soziologischenZustandes, der erst durch reale Mächte überwunden werden mufste, ehesein theoretisches Gegenbild durch theoretische überwunden werden konnte.

Der weitere Zusammenhang, in den sich der soziologische Charakterdes Geldes einstellt, ist dieser. Als den Ausgangspunkt aller sozialenGestaltung können wir uns nur die Wechselwirkung von Person zuPerson vorstellen. Gleichviel wie die in Dunkel gehüllten historischenAnfänge des gesellschaftlichen Lebens wirklich gestaltet waren seinegenetische und systematische Betrachtung mufs diese einfachste undunmittelbarste Beziehung zum Grunde legen, von der wir doch schliefslichauch heute noch unzählige gesellschaftliche Neubildungen ausgehen sehen.Die weitere Entwicklung ersetzt nun diese Unmittelbarkeit der wechsel-wirkenden Kräfte durch die Schaffung höherer überpersönlicher Gebilde,die als gesonderte Träger eben jener Kräfte auftreten und die Be-ziehungen der Individuen untereinander durch sich hindurchleiten und ver-mitteln. Diese Gebilde bieten sich in den verschiedensten Erscheinungs-arten dar: in greifbarer Realität wie als blofse Ideen und Phantasie-produkte, als weitverzweigte Organisationen wie in der Darstellung anEinzelpersonen. So bildeten sich aus den Erforderlichkeiten und Usancen,die sich im Verkehr der Gruppengenossen zunächst von Fall zu Fallentwickeln und sich schliefslich fixieren, die objektiven Gesetze derSitte, des Rechts, der Moral ideale Erzeugnisse des menschlichenVorstellens und Wertens, die nun für unser Denken ganz jenseits deseinzelnen Wollens und Handelns stehen, gleichsam als dessen losgelöste»reine Formen«. So verkörpert sich, diesen Prozefs fortsetzend, dasStaatsgesetz in dem Richterstand und der ganzen Verwaltungshierarchie;so die zusammenhaltende Kraft einer politischen Partei in dem Partei-vorstand und der parlamentarischen Vertretung; so verlegt sich dieKohäsion eines Regimentes in seine Fahne, einer mystischen Vereinigungin ihren Gral usw. Es werden also die Wechselwirkungen unter denprimären Elementen selbst, die die soziale Einheit erzeugen, da-durch ersetzt, dafs jedes dieser Elemente für sich zu dem darüber oderdazwischen geschobenen Organe in Beziehung tritt. In diese Kategoriesubstanzgewordener Sozialfunktionen gehört das Geld. Die Funktiondes Tausches, eine unmittelbare Wechselwirkung unter Individuen, istmit ihm zu einem für sich bestehenden Gebilde kristallisiert. Der Aus-tausch der Arbeitsprodukte oder des sonst aus irgend einer Quelle her