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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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Geldwirtschaft grofs, den die beginnende Neuzeit aus der Erschliefsungder amerikanischen Metallvorräte gewann. Die Selbstgenügsamkeit feu-daler Verhältnisse wurde zerstört, indem sich in jede Transaktion die aufdie Zentralgewalt hinweisende, die Beziehungen der Kontrahenten übersich hinausweisende Münze schob: so dafs man diese Macht des Geldes,die Einzelnen mehr an die Krone zu drängen, enger an sie zu binden,als den tieferen Sinn des Merkantilsystems angesprochen hat. Andrer-seits gilt die Tatsache, dafs die deutschen Kaiser sich dieses Zentra-lisierungsmittel von den Territorialherren entreifsen liefsen, als einer derwesentlichen Gründe für die Zersplitterung des Reiches während diefranzösischen und englischen Könige des 13. und 14. Jahrhunderts dieEinheit ihrer Reiche mit Hilfe der geldwirtschaftlichen Bewegung grün-deten. Als das russische Reich im ganzen schon als ein unteilbares galt,stattete Iwan III. doch seine jüngeren Söhne noch mit Landesteilen aus,in denen sie souverän schalten konnten und für die er der Zentralgewaltaufser der höheren Gerichtsbarkeit nur das Münzrecht vorbehielt. Ja,die lockere Sphäre, die, aus den Handelsbeziehungen eines Landes be-stehend, es jenseits seiner politischen Grenzen umgibt, gewinnt aufser-ordentlich an Ausdehnung und Konsistenz, sobald das Landesgeld durchseine Solidität allenthalben gültig wird und so alle Punkte dieses Kreisesmit dem Ursprungsland verbindet und immer wieder auf dasselbe zurück-weist. So verlieh der Kurs des englischen Sovereigns in Portugal undBrasilien dem englischen Handel ein grofses Prestige und hielt die indiese Länder ausstrahlenden Handelsbeziehungen einheitlich zusammen.In Deutschland war der Gang der, dals bald nach der Karolingerzeit derKönig einzelnen Personen und Stiften das Prägerecht verlieh, wobei erindes noch selbst Schrot, Korn und Form der Münzen bestimmte. Aberschon vor dem 12. Jahrhundert dürfen die so Beliehenen Münzfufs undStempel beliebig festsetzen und also so viel Profit, wie sie wollen, dabeiherausschlagen. So geht die Lösung des Münzwesens von der Zentral-gewalt und die Verschlechterung der Münze Hand in Hand: d. h. dasGeld ist um so weniger wirklich Geld, je weniger der grölste sozio-logische Kreis bezw. dessen Zentralorgan es garantiert. Die Rückläufig-keit dieses Zusammenhanges bestätigt ihn nur: die Verelendung desGeldes wirkte ihrerseits auf die Auflösung und den Auseinanderfall desgröfsten Kreises, auf dessen Einheit es angewiesen gewesen wäre. Jasogar eine rein formale und symbolische Beziehung mag in diesen Er-scheinungen irgendwie mitgewirkt haben. Zu den wesentlichen Charakter^zügen von Gold und Silber gehört ihre relative Unzerstörbarkeit, in derenKonsequenz ihr Gesamtquantum lange Perioden hindurch fast stetig