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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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vollständige Stabilität des Geldes wäre erst erreichbar, wenn es über-haupt nichts mehr für sich wäre, sondern nur der reine Ausdruck desWertverhältnisses zwischen den konkreten Gütern. Damit wäre es ineine Ruhelage gekommen, die sich durch die Schwankungen der Güterso wenig verändert, wie der Meterstab durch die Verschiedenheit derrealen Gröfsen, die er mifst. Dann wäre auch der Wert, der ihm durchdas Leisten dieses Dienstes zukäme, auf ein Maximum von Stabilitätgelangt, weil so das Verhältnis von Angebot und Nachfrage sich vielgenauer regulieren liefse, als bei seiner Abhängigkeit von einer Substanz,deren Quantum unserem Willen nur unvollkommen unterliegt. Damitist freilich nicht geleugnet, dafs unter bestimmten historischen und psy-chologischen Umständen die Bindung an das Metall dem Gelde nocheine gröfsere Stabilität garantieren könnte, als die Lösung von ihmwie ich es oben selbst behauptet habe. So mag um an die dort ge-gebenen Analogien anzuknüpfen die tiefste und sublimste Liebe die-jenige sein, die nur zwischen Seelen, unter völliger Ausschaltung jedesErdenrestes, besteht allein so lange diese nicht erreichbar ist, wirdsich ein Maximum von Liebesempfindung gerade da zeigen, wo die reinseelische Beziehung einen Zusatz und Vermittlung durch sinnliche Näheund Anziehung erhält; so mag das Paradies das Wunderversprechenseiner Seligkeit darin erfüllen, dafs das Bewufstsein derselben keinesSichabhebens von entgegengesetzten Empfindungen bedarf so langewir aber Menschen sind, können allein sonst vorhandene leidvolle, in-differente oder herabgesetzte Gefühlszustände uns ein positives Glück,als Unterschiedsempfindung, eintragen. Wenn also auch in einer idealenSozialverfassung ein ganz substanzloses Geld das absolut zweckmäfsigeTauschmittel ist, so kann doch bis dahin seine relativ höchste Zweck-mässigkeit gerade von seiner Bindung an eine Substanz bedingt sein.Dieser letztere Umstand bedeutet also keine Ablenkung des unendlichenWeges, der zur Auflösung des Geldes in einen blofs symbolischenTräger seiner reinen Funktion führt.

Ein besonderes Stadium des Scheidungsprozesses zwischen demFunktions- und dem inneren Wert des Geldes zeigen die Fälle, wo fürdie Schätzung der Werte als Mafsstab ein Geld angewandt wird, indem die tatsächlichen Zahlungen gar nicht erfolgen. Den Tauschdienstkann das Geld nicht leisten, ohne zugleich Mafsdienste zu leisten; wohlaber zeigen sich die letzteren in gewisser Hinsicht von jenem unabhängig.Im alten Ägypten wurden die Preise nach dem Uten, einem Stück ge-wundenen Kupferdrahts, bestimmt, während die Zahlungen in den ver-schiedensten Bedarfsartikeln erfolgten. Im Mittelalter wird vielfach der