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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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ihnen die andere auszuschliefsen strebt, und dafs oft gerade ein Wechsel-spiel zwischen diesen beiden Möglichkeiten das Grundgefühl am tiefstenund lebendigsten verwirklicht; ich erinnere daran, wie die verschiedenenBetätigungen des Erkenntnistriebes, sowohl wenn sie sich gegenseitighervorrufen, wie wenn sie sich gegenseitig verdrängen, gleichmäfsig dieEinheit des grundlegenden Interesses bekunden; endlich, die politischenEnergien in einer Gruppe verdichten sich je nach dem Naturell undMilieu der Einzelnen zu divergenten Parteien, aber sie zeigen ihr Kraft-mafs ebenso in der Leidenschaft des Kampfes zwischen diesen, wiedarin, dafs das Interesse des Ganzen sie gelegentlich zu gemeinsamerAktion zu vereinheitlichen im stände ist. So weist die Bedeutung desKredits: einerseits mit der Bargeldzirkulation in einem Verhältnis gegen-seitiger Anregung zu stehen, andrerseits dieselbe zu ersetzen, nur aufdie Einheit des Dienstes hin, den beide zu leisten haben.

Nun tritt an die Stelle der Vermehrung der Geldsubstanz, die durchdie Steigerung des Umsatzes erfordert scheint, immer mehr die Ver-mehrung seiner Umlaufsgeschwindigkeit. Ich führte früher an, dafsschon im Jahre 1890 die französische Bank auf Kontokorrent das135 fache der tatsächlich darauf eingezahlten Gelder umgesetzt hat(54 Milliarden auf 400 Millionen Francs), die deutsche Reichsbank sogardas 190fache. Man macht sich im allgemeinen selten klar, mit wieunglaublich wenig Substanz das Geld seine Dienste leistet. Die auf-fällige Erscheinung, dafs bei Ausbruch eines Krieges oder sonstigerKatastrophen das Geld verschwindet, als ob es in die Erde gesunkenwäre, bedeutet doch nur die Stockung der Zirkulation, die durch dieÄngstlichkeit des Einzelnen, sich auch nur momentan von seinem Geldezu trennen, veranlafst oder verstärkt ist. In normalen Zeiten läfst dieSchnelligkeit der Zirkulation seine Substanz viel ausgedehnter erscheinen,als sie in Wirklichkeit ist wie ein glühendes Fünkchen, das imDunkeln rasch im Kreise bewegt wird, als ein ganzer glühender Kreiserscheint, um in dem Augenblick, wo seine Bewegung aufhört, sofortwieder in seine substanzielle Minimität zusammenzuschmelzen. Amheftigsten tritt dies bei einem schlechten Gelde auf. Denn das Geldgehört in jene Kategorie von Erscheinungen, deren Wirksamkeit sichbei regulärer Form und Verlauf in angebbaren Grenzen und determi-niertem Umfang hält, während sie bei Ablenkungen und Ver-schlimmerungen einen unübersehbaren und kaum begrenzten Schadenanrichten. Die Typen dafür sind die Mächte des Wassers und desFeuers. Da das gute Geld nicht mit so vielen Nebenwirkungen belastetist wie das schlechte und deshalb nicht so viel Erwägungen, Vorsicht