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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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und sekundäre Malsregeln bei seiner Benutzung verlangt, so kann esleichter und flüssiger als dieses kursieren. In je präziserer Form esdie Dienste des blofsen Geldes leistet, desto geringer braucht seinQuantum zu sein, desto leichter ist es durch seine Bewegung zu er-setzen. Auch kann die Vermehrung der Umsätze statt durch eine Ver-mehrung der kursierenden Geldsubstanz durch Verkleinerung der Stückeerzielt werden. Die Entwicklung der Münze geht im allgemeinen vongrofsen zu kleinen Stücken und ich erwähne aus derselben hier des be-zeichnenden Falles: in England war lange Zeit der Farthing (gleich0,12 gr Silber) das geringste Münzstück 5 erst von 1843 an wurdenhalbe Farthings geschlagen. Bis dahin waren also alle Werte, die unterein Farthing galten, vom Geldverkehr ausgeschlossen, und für alle, diezwischen zwei ganzen Zahlen von Farthings standen, der Verkehr er-schwert. Ein Reisender erzählt aus Abessinien (1882), wie aufserordentliches den Handel behindere, dafs nur eine ganz bestimmte Münze, derMaria-Theresia-Taler von 1780, anerkannt werde, das Kleingeld aberso gut w T ie ganz fehle. Wenn jemand also für einen halben TalerGerste kaufen wolle, so müsse er für den Rest des Geldes irgendsonstige Gegenstände in Kauf nehmen. Wogegen aus Bomu in densechziger Jahren von einem besonders leichten Verkehr berichtet wird,,da der Wert jenes Talers in ca. 4000 Kaurimuscheln zerlegt sei undder Arme deshalb ein Geld für die kleinsten Warenmengen besitze.Freilich hat die Verkleinerung der Münze die Folge, dafs nicht mehr soviel umsonst geleistet wird, das Leihen und Aushelfen, das in primi-tiven Verhältnissen Regel ist, fällt fort, sobald für den allerkleinstenDienst ein Geldäquivalent zur Verfügung steht und eben deshalb auchgefordert wird. Aber jene Hingabe ohne Äquivalent, die zuerst sozialeNotwendigkeit, dann moralische Pflicht oder freie Freundlichkeit ist, be-deutet noch keine eigentliche und entwicklungsfähige Wirtschaft, sowenig wie umgekehrt der Raub. Zu dieser wird die Hingabe erst mitder Objektivation des Verkehrs und seiner Gegenstände. Jenes sub-jektive Verfahren ist sicher von hohem, auch ökonomischem Werteaber es setzt der Wirtschaft sehr enge Grenzen; und diese können erstdurch die Mafsregeln gesprengt werden, die freilich jene Werte un-mittelbar vernichten und zu denen die Einführung möglichst kleinerMünze gehört. Die Verflüchtigung des Geldstoffes sozusagen in Atomehebt denVerkehr aufserordentlich; indem sie das Tempo der Geldumsätzebeschleunigt, vermehrt sie ihre Zahl; d. h. also, diejbestimmte Art, inder das Geld funktioniert, ist imstande, die quantitativen Mehrungenseiner Substanz zu ersetzen.