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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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dals man geradezu sagen kann: je weniger das einzelne Geldquantumwert ist, desto wertvoller ist das Geld überhaupt. Denn nur dadurch,dals das Geld so billig, jede bestimmte Summe seiner so viel wertlosergeworden ist, kann es diejenige allgemeine Verbreitung, rasche Zirkulation,überall hindringende Verwendbarkeit gewinnen, die ihm seine jetzigeRolle sichert. Innerhalb des Individuums spielt sich dasselbe Verhältniszwischen den einzelnen Geldquanten und ihrer Totalität ab. Gerade die-jenigen Personen, die sich vom Geld, wenn es eine einzelne Ausgabe be-trifft , am leichtesten und verschwenderischsten trennen, pflegen vomGelde überhaupt am abhängigsten zu sein. Auch dies ist eine der Be-deutungen der Redensart, dafs man das Geld nur verachten könne, wennman sehr viel hätte. In ruhigen Zeiten und Orten, mit ökonomisch lang-samerem Lebenstempo, wo das Geld viel länger an einer Stelle liegt,wird sein einzelnes Quantum viel höher gewertet als in der ökonomischenJagd der grofsstädtischen Gegenwart. Die schnelle Zirkulation erzeugteine Gewohnheit des Weggebens und Wiedereinbekommens, macht jedeseinzelne Quantum psychologisch gleichgültiger und wertloser, währendes als Geld überhaupt da das Geldgeschäft den Einzelnen hier vielintensiver und extensiver berührt als in jenem unbewegteren DaseinImmer gröfsere Bedeutung gewinnt. Es handelt sich hier um den sehrweit erstreckten Typus: dafs der Wert eines Ganzen sich in demselbenVerhältnis hebt, in dem der seiner individuellen Teile sinkt. Ich er-innere daran, dafs Mafs und Bedeutung einer sozialen Gruppe oft um sohöher steigt, je geringer das Leben und die Interessen ihrer Mitgliederals Individuen eingeschätzt werden; dafs die objektive Kultur, die Vielseitig-keit und Lebendigkeit ihrer sachlichen Inhalte ihren höchsten Grad durcheine Arbeitsteilung erreichen, die den einzelnen Träger und Anteilhaberdieser Kultur oft in eintöniges Spezialistentum, Beschränktheit und Ver-kümmerung bannt: das Ganze ist um so vollkommener und harmonischer,je weniger der Einzelne noch ein harmonisches Ganzes ist. DieselbeForm stellt sich auch sachlich dar. Der besondere Reiz und die Voll-endung gewisser Gedichte besteht darin, dafs die einzelnen Worte durch-aus keinen selbständigen Sinn, aufser dem, der dem beherrschendenGefühl oder dem Kunstzweck des Ganzen dient, psychologisch mitan-klingen lassen, dafs der Gesamtkreis der Assoziationen, der die eigeneBedeutung des Wortes ausmacht, ganz zurücktritt, und nur die demZentrum des Gedichtes zugewandten für das Bewufstsein beleuchtet sind;so dafs das Ganze in demselben Mafse kunstvollendeter ist, in dem seineElemente ihre individuelle, für sich seiende Bedeutung einbülsen. Undendlich ein ganz äufserlicher Fall. Der Herstellungs- wie der Kunstwert