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nennen könnte — zu seinen Willensinhalten, seine Macht und Ohnmachtihnen gegenüber verkörpert, aufgipfelt, sublimiert — darin liegt dieungeheure Bedeutung des Geldes für das Verständnis der Grundmotivedes Lebens. Nach dieser, von ihm zu der Ganzheit des Lebens hin-gehenden Richtung betrachte ich es aber hier nur so weit, als dieselbedie umgekehrte, die vorläufig unser Zweck ist, gangbar macht: dasWesen des Geldes aus den inneren und äufseren Verhältnissen zu er-kennen, die in ihm ihren Ausdruck, ihr Mittel oder ihre Folge gewinnen.Von den Bestimmungen, zu denen sich die bisherige Feststellung seinerentfaltet, schliefse ich eine sogleich hier an, weil sie mit besondererUnmittelbarkeit zeigt, in wie praktische Wirklichkeiten sich jener ab-strakte Charakter des Geldes umsetzt.
Ich habe oben erwähnt, dafs keineswegs immer nur ein bereitsfeststehender Zweck die Vorstellung und Beschaffung der Mittel bedingt,dafs vielmehr die Verfügung über Substanzen und Kräfte uns oft genugerst dazu anregt, uns gewisse, durch sie vermittelbare Zwecke zu setzen:nachdem der Zweck den Gedanken des Mittels geschaffen hat, schafftdas Mittel den Gedanken des Zweckes. In dem Werkzeug, das ichals die gesteigertste Art des Mittels bezeichnete, wird dies Verhältnis ineine zwar oft modifizierte, aber dafür gleichsam chronische Form über-geführt. Während das Mittel in seiner gewöhnlichen und einfachenGestalt sich an der Realisierung des Zweckes völlig ausgelebt hat, seineKraft und sein Interesse als Mittel nach geleistetem Dienste einbüfst,ist es das Wesen des Werkzeugs, über seine einzelne Anwendung hinauszu beharren, oder: zu einer im voraus überhaupt nicht feststellbaren An-zahl von Diensten berufen zu sein. Dies gilt nicht nur für tausendFälle der täglichen Praxis, wofür es keines Beispiels bedarf, sondernauch in sehr komplizierten; wie oft sind militärische Organisationen,ausschliefslich zu Werkzeugen äufserer Machtentfaltung bestimmt, in denDienst innerpolitischer Zwecke der Dynastie gestellt worden, die denenihres Ursprungs völlig entgegengesetzt waren; vor allem: wie oft wächstein Verhältnis zwischen Menschen, das zu bestimmten Einzelzwecken ge-stiftet wurde, zum Träger sehr viel weitergehender, ganz anders charak-terisierter Inhalte aus; so dafs man wohl sagen kann, jede dauerndeOrganisation zwischen Menschen — familiärer, wirtschaftlicher, religiöser,politischer, geselliger Art — hat die Tendenz, sich Zwecke anzubilden,zu denen sie von vornherein nicht bestimmt war. Nun liegt einerseitsauf der Hand, dafs ein Werkzeug — ceteris paribus — um so bedeutsamerund wertvoller sein wird, zu einer je gröfseren Anzahl von Zwecken es-eventuell dienen kann, ein je gröfserer Kreis von Möglichkeiten seine