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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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oder geringere Freiheit der Wahl, wann man diesen Augenblick ein tretenlassen will, stellt einen Koeffizienten dar, der die Schätzung des Gutesseiner inhaltlichen Bedeutung nach sehr erheblich steigern oder senkenkann. War das oben Besprochene die Chance, die aus einem grofsenKreise nebeneinander liegender Verwendungsmöglichkeiten hervor-ging, so die jetzige diejenige, die aus den nacheinander liegendenfolgt. Dasjenige Gut ist alles übrige gleichgesetzt das wertvollere,das ich sogleich verwenden kann, aber nicht sogleich verwenden m u f s.Die Reihe der konkreten Güter entfaltet sich zwischen den beiden, ihrenWert modifizierenden und mannigfaltigst abgestuften Extremen: im Falledes einen kann das Gut zwar jetzt, aber nicht später, im Falle desanderen zwar später, aber nicht jetzt genossen werden. Wenn also z. B.im Sommer eben gefangene Fische gegen ein erst im Winter zu tragendesFell eingetauscht werden, so wird der Wert der ersteren dadurch ge-hoben, dafs ich sie sogleich konsumieren kann, während der des letzterendarunter leidet, dafs der Aufschub seiner Benutzung allen Chancen derBeschädigung, des Verlustes, der Entwertung Raum gibt; andrerseitswird der erstere herabgesetzt, weil der Gegenstand schon morgen ver-dorben ist, der letztere gesteigert, weil er eine hinausschiebbare Ver-wendung gewährt. Je mehr nun ein als Tauschmittel benutztes Objektdie beiden wertsteigernden Momente in sich vereinigt, desto mehr Geld-qualität besitzt es: denn das Geld als reines Mittel überhaupt stellt ihrehöchsterreichbare Synthese dar; weil es keine konkrete, seine Verwen-dung präjudizierende Eigenschaft besitzt, sondern nur das Werkzeug zurErlangung konkreter Werte ist, so ist die Freiheit seiner Verwendungebenso grofs in bezug auf die Zeitmomente, in denen, wie auf die Gegen-stände, für die es ausgegeben wird.

Aus diesem besonderen Wert des Geldes, der seiner völligen Be-ziehungslosigkeit zu allen Besonderungen von Dingen und Zeitmomenten,der völligen Ablehnung jedes eigenen Zweckes, der Abstraktheit seinesMittelscharakters entstammt fliefst das Übergewicht dessen, der dasGeld gibt, über denjenigen, der die Ware gibt. Die Ausnahmen hiervon:Verweigerungen des Verkaufs aus affektiven Wertungen, bei Boykottie-rungen, Ringbildungen usw. entstehen, wenn die für Geld begehrtenDingwerte der individuellen Sachlage nach durchaus nicht durch andereersetzbar sind. Dann freilich fällt die Wahlchance, die das dafürofferierte Geld seinem jetzigen Besitzer bietet, fort und damit dessenSondervorteil weil eben statt der Wahl eine eindeutige Bestimmtheitdes Willens besteht. Im allgemeinen aber geniefst der Geldbesitzer jenezweiseitige Freiheit, und für das Aufgeben derselben zugunsten des