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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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Warenbesitzers wird er ein besonderes Äquivalent fordern. Dies trittz. B. an dem wirtschafts - psychologisch sehr interessanten Prinzip der»Zugabe« hervor. Beim Einkauf von wäg- und mefsbaren Waren er-wartet man, der Kaufmann werde »gut messen«, d. h. wenigstens einenTeilstrich darüber geben; was auch fast durchgängig geschieht. Eskommt hier freilich dazu, dafs beim Messen der Waren ein Irrtumnäher liegt als beim Zählen des Geldes. Allein das Charakteristischeist, dafs der Geldgeber die Macht hat, die Deutung dieser Chance, diedoch an sich für beide Parteien die gleich günstige oder gleich ungünstigeist, nach der ihm vorteilhaften Seite zu erzwingen. Bezeichnender-weise verbleibt dieser Vorteil dem »Käufer«, auch wenn sein Gegenpartgleichfalls Geld gibt. Von dem Bankier erwartet der Kunde, von derVersicherungsgesellschaft der Versicherte im Schadensfälle, dafs sie »kulant«verfahren, d. h. ein Weniges mehr als das absolut rechtlich Erzwingbare,mindestens in der Form, leisten werden. Auch der Bankier und dieVersicherungsgesellschaft gibt nur Geld, und ihr Kunde denkt seinerseitsnicht daran, ihnen gegenüber liberal, kulant zu verfahren, er leistet ab-solut nur die vorbestimmte Leistung. Denn Geldquanten, die von beidenSeiten eingesetzt werden, haben eben verschiedene Bedeutung; für denBankier und die Versicherungsgesellschaft ist das Geld, mit dem sieoperieren, ihre Ware; nur für den Kunden ist es »Geld« in dem hierfraglichen Sinne, d. h. der Wert, den er zwar für das Börsengeschäftoder die Versicherung verwenden kann, aber keineswegs mufs; währendjene gar keine Wahl haben, sondern das Geld, das ihre Ware ist, nurin der einen bestimmten Richtung verwenden können. Jene Verwen-dungsfreiheit gibt dem Gelde des Kunden ein Übergewicht, für das die»Kulanz« seiner Gegenpartei das Äquivalent bildet. Wo aber eine »Zu-gabe« von seiten des Geldgebers geschieht: gewisse Formen des Trink-geldes, etwa bei der Bezahlung des Kellners oder des Droschkenkutschers da drückt sich das Übergewicht des Geldgebers in der sozialen Be-vorzugtheit aus, die die Voraussetzung des Trinkgeldes ist. Wie alleErscheinungen des Geldwesens, ist auch diese keine innerhalb des Lebens-systems isolierte, sondern bringt gleichfalls einen Grundzug desselben nurzur reinsten und zugleich äufserlichsten Erscheinung: den nämlich, dafsin jedem Verhältnis derjenige im Vorteil ist, dem weniger als demanderen an dem Inhalt der Beziehung liegt. So ausgesprochen erscheintdies als ganz paradox, denn gerade um so intensiveres Verlangen uns zueinem Besitz oder einem Verhältnis zieht, desto tiefer und leidenschaft-licher ist doch auch sein Genufs da ja die erwartete Höhe dieses dieStärke des Wollens bestimmt! Aber gerade dies Einzuräumende bewirkt

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