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besondere in den gewaltigen Kampf der habsburgischen und der fran-zösischen Macht um die europäische Hegemonie, wurden sie von jederPartei mit stetem Mifstrauen betrachtet, selbst von derjenigen, der sieungeheure Summen geliehen hatten. Der Geldleute war man eben niesicher, das blofse Geldgeschäft legte sie nie auch nur für den nächstenAugenblick unzweideutig fest, und der Gegner, dessen Bekämpfung siesoeben unterstützt hatten, sah darin gar kein Hindernis, nun seinerseitsmit Forderungen oder Anerbietungen an sie heranzutreten. Das Geldhat jene sehr positive Eigenschaft, die man mit dem negativen Begriffeder Charakterlosigkeit bezeichnet. Dem Menschen, den wir charakterlosnennen, ist es wesentlich, nicht durch die innere und inhaltliche Dignitätvon Personen, Dingen, Gedanken sich bestimmen zu lassen, sonderndurch die quantitative Macht, mit der das Einzelne ihn beeindruckt, ver-gewaltigt zu werden. So ist es der von allen spezifischen Inhalten ge-löste und in reiner Quantität bestehende Charakter des Geldes, der ihmund den nur nach ihm gravitierenden Menschen die Färbung derCharakterlosigkeit einträgt — die fast logisch notwendige Schattenseitejener Vorteile des Geldgeschäftes und der spezifischen Höherwertung desGeldes gegenüber qualitativen Werten. Dieses Übergewicht des Geldesdrückt sich zunächst in der angeführten Erfahrung aus, dafs der Ver-käufer interessierter und beeiferter ist als der Käufer. Denn es verwirk-licht sich hier eine für unser ganzes Verhalten zu den Dingen äufserstbedeutsame Form: dafs von zwei Wertklassen, die einander gegenüber-stehen und als Ganze betrachtet werden, die erste der zweiten entschiedenüberlegen ist, dafs aber der einzelne Inhalt oder Exemplar der zweiteneinem entsprechenden der ersten gegenüber den Vorzug hat. So würdenwir, vor die Wahl zwischen der Gesamtheit aller materiellen und alleridealen Güter gestellt, uns wohl für die ersteren entscheiden müssen,weil der Verzicht auf sie das Leben überhaupt, mitsamt seinen idealenInhalten, verneinen würde; während wir nicht schwanken mögen, jedeseinzelne herausgegriffene materielle Gut für irgend ein ideales dahinzu-geben. So sind wir in unseren Beziehungen zu verschiedenen Menschengarnicht im Zweifel, wieviel wertvoller und unentbehrlicher, als Ganzesempfunden, uns die eine als die andere ist; dennoch, in den einzelnenMomenten und Seiten des Verhältnisses mag uns das als Ganzes wert-losere das erfreulichere und bestechendere sein. So also verhält es sichzwischen dem Geld und den konkreten Wertobjekten: die Wahl zwischender Gesamtheit der letzteren und der des ersteren würde sogleich desseninnere Wertlosigkeit offenbaren, da wir dann blofs ein Mittel, aber keinenZweck, dem es diene, mehr hätten; dagegen, das einzelne Geldquantum