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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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Sozialelemente manchmal wie die Augenachsen am besten auf einennicht zu nahe gelegenen Punkt konvergierten. Der Fremde als Personaber ist aus demselben Grunde, der das Geld dem sozial Entrechtetenso wertvoll macht, dafür vor allem interessiert: weil es ihm Chancengewährt, die dem Vollberechtigten, bezw. dem Einheimischen aufspezielleren, sachlichen Wegen und durch persönliche Beziehungen zu-gängig sind; es wird betont, dafs die F r e m d e n es waren, die vor dembabylonischen Tempel den einheimischen Mädchen das Geld in denSchools warfen, für das diese sich prostituierten. Der Zusammenhangzwischen der soziologischen Bedeutung des Fremden und der des Geldeshat aber noch eine weitere Vermittlung. Das reine Geldgeschäft istnämlich ersichtlich etwas sekundäres; das zentrale Geldinteresse äufsertsich vielmehr zunächst und hauptsächlich im Handel. Aus sehr triftigenGründen ist aber der Händler, am Anfang der wirtschaftlichen Be-wegungen, ein Fremder. So lange die Wirtschaftskreise noch kleinesind und keine raffinierte Arbeitsteilung besitzen, genügt unmittelbarerTausch oder Kauf zu der erforderlichen Verteilung; des Händlers bedarfes erst für das Herbeischaffen der in der Ferne produzierten Güter.Nun aber zeigt sich die Entschiedenheit dieses Verhältnisses auch sofortan seiner Umkehrbarkeit: nicht nur der Händler ist ein Fremder, sondernauch der Fremde ist dazu disponiert, ein Händler zu werden. Das tritthervor, sobald der Fremde nicht nur vorübergehend anwesend ist,sondern sich niederläfst und dauernden Erwerb innerhalb der Gruppesucht: in Platos »Gesetzen« wird den Bürgern aller Gold- und Silber-besitz verboten und aller Handel und Gewerbebetrieb prinzipiell denFremden Vorbehalten. So lag, dafs die Juden ein Handelsvolk wurden,aufser an ihrer Unterdrückung, auch an ihrer Zerstreuung durch alleLänder. Erst während des letzten babylonischen Exils wurden die Judenin die Geldgeschäfte eingeweiht, die ihnen bis dahin unbekannt gewesenwaren; und nun wird sogleich hervorgehoben, es seien besonders dieJuden der Diaspora gewesen, die sich diesem Beruf in gröfsererAnzahl widmeten. Zersprengte Leute, in mehr oder weniger geschlosseneKulturkreise hineindringend, können schwer Wurzel schlagen, eine freieStelle in der Produktion finden und sind deshalb zunächst auf denZwischenhandel angewiesen, der viel elastischer ist als die Urproduktionselbst, dessen Spielraum durch blofs formale Kombinationen fastunbegrenzt zu erweitern ist und der deshalb von aufsen kommende,,nicht von der Wurzel her in die Gruppe hineingewachsene Elemente amehesten aufnehmen kann. Der tiefe Zug der jüdischen Geistigkeit: sichviel mehr in logisch-formalen Kombinationen als in inhaltlich schöpferi-