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scher Produktion zu bewegen, muls mit dieser wirtschaftsgeschichtlichenSituation in Wechselwirkung stehen. Dafs der Jude ein Fremder war,ohne organische Verbindung mit seiner Wirtschaftsgruppe, das wies ihnauf den Handel und dessen Sublimierung im reinen Geldgeschäft hin.Mit einer sehr merkwürdigen Einsicht in die Lage der Juden gestatteteihnen ein Statut von Osnabrück um 1300 ausnahmsweise wöchentlicheinen Pfennig von der Mark Zinsen zu nehmen, also jährlich 36 Vs °/o,während sonst höchstens 10°/o genommen wurden. Spezifisch wichtigwurde es, dafs der Jude nicht nur der Stammfremde, sondern auch derReligionsfremde war. Weil für ihn deshalb das mittelalterliche Verbotdes Zinsennehmens nicht galt, war er die indizierte Persönlichkeit fürdie Geldleihe. Es ist eben die Gelöstheit vom Boden, die die hohenZinsen für die Juden begründete: denn Grundschulden waren ihnen niesicher und ferner mufsten sie immer fürchten, dafs eine höhere Gewaltihre Forderungen für aufgehoben erklärte (so König Wenzel für dasLand Franken 1390, Karl IV. 1347 für den Burggrafen von Nürnberg ,Herzog Heinrich von Bayern 1338 für die Bürger von Straubing usw.).Der Fremde braucht für seine Unternehmungen und Ausleihen einehöhere Risikoprämie. — Dieser Zusammenhang gilt aber nicht nur fürdie Juden, sondern er ist so tief im Wesen des Handels und des Geldesbegründet, dafs er eine Reihe anderer Erscheinungen nicht weniger be-herrscht. Ich erwähne hier nur einige neuzeitliche. Die Weltbörsen des16. Jahrhunderts, Lyon und Antwerpen , erhielten ihr Gepräge durchdie Fremden, und zwar auf Grund der fast unbeschränkten Handels-freiheit, die der fremde Kaufmann gerade an diesen Plätzen genofs. Unddas steht wieder mit dem Geldverkehrscharakter dieser Plätze in Zu-sammenhang : Geldwirtschaft und Handelsfreiheit haben tiefe innere
Beziehungen, wie oft diese auch durch historische Zufälligkeiten undirrige Regierungsmaximen verdunkelt sein mögen. Die geldgeschäftlicheRolle des Fremden zeigt so recht ihre Verknüpfung. Die finanzielle Be-deutung mancher Florentiner Familien, in der Mediceerepoche, beruhtegerade darauf, dafs sie von den Mediceern verbannt oder ihrer politischenMacht beraubt und infolgedessen darauf angewiesen waren, durch Geld-geschäfte in der Fremde — da sie in der Fremde eben keine anderentreiben konnten — von neuem zu Kraft und Bedeutung zu gelangen.Es ist der Betrachtung nicht unwert, wie danebenherlaufende, scheinbarentgegengesetzte Erscheinungen, genau angesehen, eben dasselbe Ver-hältnis erweisen. Als Antwerpen im 16. Jahrhundert der unbestritteneWelthandelsplatz war, ruhte seine Bedeutung auf den Fremden, den
Simmel, Philosophie des Geldes. 2. Aufl. 15