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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Italienern, Spaniern, Portugiesen, Engländern, Oberdeutschen, die sichdort niedergelassen hatten und ihre Waren umsetzten. Die eingeborenenAntwerpener spielten bei dem Warenhandel eine sehr geringe Rolle undwaren hauptsächlich als Kommissionäre und im Geldgeschäft als Bankierstätig. In dieser internationalen und durch die Interessen des Welt-handels vereinheitlichten Gesellschaft spielte eben der Eingeborenedie Rolle, die sonst vielfach der Fremde spielt: das Entscheidende isthier das soziologische Verhältnis zwischen einer grofsen Gruppe undeinzelnen, ihr fremd gegenüberstehenden Individuen; diese werden ebendurch die Beziehungslosigkeit zu den konkreteren Interessen auf dasGeldgeschäft mit jenen hingewiesen. Gewifs wird in den meisten Fällendieses Verhältnis sich zwischen Eingeborenen und Fremden hersteilen;aber schon als die Angelsachsen die britische Bevölkerung, soweit sienicht verjagt war, in sich auf genommen hatten, nannten sie sie »dieFremden«; und wo, wie es in Antwerpen stattfand, die Fremden diegrofse zusammenhängende Gruppe und die Eingeborenen die dazwischenversprengte Minorität bilden, da zeigt sich an dem Ergebnis, dafs diegleiche soziologische Ursache die gleiche Folge hat, während die Frage,welches der Elemente gerade an der Lokalität eingeboren und welchesfremd ist, an sich hierfür bedeutungslos ist. Weit über die sozusagenprivaten Gründe hinaus, aus denen der einzelne Fremde innerhalb einerGruppe zum Handel und zuhöchst zum Geldhandel designiert scheint,begegnen uns die ersten grofsen Transaktionen der neuzeitlichen Bankiers,im 16. Jahrhundert, als durchaus im Ausland sich abspielend. DasGeld ist von der lokalen Beschränktheit der meisten teleologischen Reihenemanzipiert, weil es das Mittelglied von jedem beliebigen Ausgangspunktzu jedem beliebigen Endpunkt ist; und wenn, so möchte man fastsagen, jedes Element des historischen Seins diejenige Wirkungsformsucht, in der es sein Spezifisches, die gerade ihm eigentümliche Stärkeam reinsten ausdrücken kann, so drängt dieses früheste moderne Grofs-kapital, wie in dem Expansionsstreben jugendlichen Übermutes, zu einerVerwendung, in der ihm seine raumüberspringende Macht, seine Überall-Verwendbarkeit, seine Parteilosigkeit zum stärksten Bewufstsein kam.Der Hafs des Volkes .auf die grofsen Finanzhäuser hing wesentlich da-mit zusammen, dafs ihre Besitzer und meistens auch ihre VertreterFremde zu sein pflegten: es war der Hafs des nationalen Empfindensgegen das Internationale, der Einseitigkeit, die sich ihres spezifischenWertes bewufst ist, und sich dabei von einer indifferenten, charakter-losen Macht vergewaltigt fühlt, deren Wesen ihr im Fremden alssolchem personifiziert wurde; es entspricht dies ganz der Aversion der