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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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gesehen) nicht mehr nötig ist. Und dies scheint nun endlich die Er-fahrungstatsache durchsichtig zu machen: dafs das Endglied unsererpraktischen Reihen, nur durch die Mittel realisierbar, um so sicherervon diesen hervorgebracht wird, je vollständiger unsere Kräfte auf dieHervorbringung der Mittel gerichtet und konzentriert sind. Ebendiese Herstellung der Mittel ist die eigentlich praktische Aufgabe; jegründlicher sie gelöst ist, desto mehr wird der Endzweck der Willens-bemühung entraten können und sich als der mechanische Erfolg desMittels einstellen. Dadurch, dafs der Endzweck immerzu im Bewufst-sein ist, wird eine bestimmte Summe von Kraft verbraucht, die derArbeit an den Mitteln entzogen wird. Das praktisch Zweckmäfsigsteist also die volle Konzentrierung unserer Energien auf die nächst zuverwirklichende Stufe der Zweckreihe; d. h., man kann für den End-zweck nichts Besseres tun, als das Mittel zu ihm so zu behandeln, alswäre es er selbst. Die Verteilung der psychologischen Akzente, derenes mangels unbeschränkt verfügbarer Kräfte bedarf, folgt also durchausnicht der logischen Gliederung: während für diese das Mittel etwasvöllig Gleichgültiges ist und alle Betonung auf dem Zweck liegt, ver-langt die praktische Zweckmäfsigkeit die direkte psychologische Um-kehrung dieses Verhältnisses. Was die Menschheit dieser scheinbar soirrationellen Tatsache verdankt, ist nicht auszusagen. Wir würdenwahrscheinlich über die primitivsten Zwecksetzungen nie hinausgekommensein, wenn unser Bewufstsein immer an diesen hängen und so für denBau mannigfaltigerer Mittel nur unvollkommen frei sein würde; oderwir würden eine unerträgliche und lähmende Zersplitterung erfahren,wenn wir bei der Arbeit an jedem untergeordneten Mittel die ganzeReihe darüber gebauter weiterer Mittel mit dem schliefslichen Endzweckfortwährend im Bewufstsein haben müfsten; wir würden endlich für dieAufgabe des Augenblicks oft überhaupt weder Kraft noch Lust haben,wenn wir uns ihre Minimität gegenüber den letzten Zielen immer mitlogischer Gerechtigkeit vor Augen hielten und nicht alle Kräfte, diedem Bewufstsein überhaupt entsprechen, gesammelt in den Dienst desvorläufig Notwendigen stellten. Es liegt auf der Hand, dafs dieseMetempsychose des Endzwecks um so häufiger und gründlicher statt-finden mufs, je komplizierter die Technik des Lebens wird. Mitsteigendem Wettbewerbe und steigender Arbeitsleistung werden dieZwecke des Lebens immer schwerer zu erreichen, d. h. es bedarf fürsie eines immer höheren Unterbaues von Mitteln. Ein ungeheurerProzentsatz der Kulturmenschen bleibt ihr Leben lang in dem Interessean der Technik, in jedem Sinne des Wortes, befangen; die Bedingungen,