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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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die die Verwirklichung ihrer Endabsichten tragen, beanspruchen ihreAufmerksamkeit, konzentrieren ihre Kräfte derart auf sich, dafs jenewirklichen Ziele dem Bewufstsein völlig entschwinden, ja, oft genugschliefslich in Abrede gestellt werden. Das wird durch den Umstandbegünstigt, dafs in kulturell ausgebildeten Verhältnissen das Individuumschon in ein sehr vielgliedriges teleologisches System hineingeboren wird(z. B. in Hinsicht äufserer Sitten, nach deren Ursprung als Bedingungensozialer Zwecke niemand mehr fragt, die vielmehr als kategorische Im-perative gelten), dafs er in die Mitarbeit an längst feststehendenZwecken hineinwächst, dafs sogar seine individuellen Ziele ihm vielfachals selbstverständliche aus der umgebenden Atmosphäre entgegenkommenund mehr in seinem tatsächlichen Sein und Sich-Entwickeln als in deut-lichem Bewufstsein zur Geltung gelangen. Alle diese Umstände helfendazu, die Endziele nicht nur des Lebens überhaupt, sondern auch inner-halb des Lebens nur unvollständig über die Schwelle . des Bewusstseinssteigen zu lassen und die ganze Zuspitzung desselben auf die praktischeAufgabe, die Realisierung der Mittel, zu richten.

Es bedarf wohl keines besonderen Nachweises, dafs diese Vor-datierung des Endzwecks an keiner Mittelinstanz des Lebens in solchemUmfange und so radikal stattfindet als am Geld. Niemals ist ein Ob-jekt, das seinen Wert ausschliefslich seiner Mittlerqualität, seiner Um-setzbarkeit in definitivere Werte verdankt, so gründlich und rückhaltsloszu einer psychologischen Absolutheit des Wertes, einem das praktischeBewufstsein ganz ausfüllenden Endzweck aufgev r achsen. Auch wirddiese abschliefsende Begehrtheit des Geldes gerade in dem Malse steigenmüssen, in dem es immer reineren Mittelscharakter annimmt. Denndieser bedeutet, dafs der Kreis der für Geld beschaffbaren Gegenständesich immer weiter ausdehnt, dafs die Dinge sich immer widerstandsloserder Macht des Geldes ergeben, dafs es selbst immer qualitätsloser, abereben deshalb jeder Qualität der Dinge gegenüber gleich mächtig wird.Seine wachsende Bedeutung hängt daran, dafs alles, was nicht blofsMittel ist, aus ihm herausgeläutert w T ird, weil erst so die Reibungen mitden spezifischen Charakteren [der Objekte hinwegfallen. Indem seinWert als Mittel steigt, steigt sein Wert als Mittel, und zwar so hoch,dafs es als Wert schlechthin gilt und das Zweckbewuifstsein an ihmdefinitiv Halt macht. Die innere Polarität im Wesen des Geldes: dasabsolute Mittel zu sein und eben dadurch psychologisch für die meistenMenschen zum absoluten Zw 7 eck zu w 7 erden, macht es in eigentümlicherWeise zu einem Sinnbild, in dem die grofsen Regulative des praktischenLebens gleichsam erstarrt sind. Wir sollen das Leben so behandeln, als