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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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ob jeder seiner Augenblicke ein Endzweck wäre, jeder soll so wichtiggenommen werden, als ob das Leben eigentlich um seinetwillen bis zuihm gereicht hätte; und zugleich: w r ir sollen das Leben so führen, als obüberhaupt keiner seiner Augenblicke ein definitiver wäre, an keinem sollunser Wertgefühl stillhalten, sondern jeder hat als ein Durchgang undMittel zu höheren und immer höheren Stufen zu gelten. Diese scheinbarwiderspruchsvolle Doppelforderung an jeden Lebensmoment, ein schlecht-hin definitiver und ein schlechthin nicht definitiver zu sein, quillt aus denletzten Innerlichkeiten, in denen die Seele ihr Verhältnis zum Leben ge-staltet und findet, wunderlich genug, eine gleichsam ironische Er-füllung am Gelde, dem äufserlichsten, weil jenseits aller Qualitäten undIntensitäten stehenden Gebilde des Geistes.

Der Umfang, in dem sich das Geld für das Wertbewufstsein ver-absolutiert, hängt von der grofsen Wendung des wirtschaftlichen Interessesvon der Urproduktion zum industriellen Betrieb ab. Die neuere Zeitund etwa das klassische Griechentum nehmen dem Gelde gegenüberhauptsächlich daraufhin so verschiedene Stellungen ein, weil es damalsnur der Konsumtion, jetzt aber wesentlich auch der Produktion dient.Dieser Unterschied ist von der äufsersten Wichtigkeit für die teleologischeRolle des Geldes, das sich auch hier als der treue Index der Wirtschaftüberhaupt zeigt: denn auch das allgemeine ökonomische Interesse wardamals viel mehr der Konsumtion als der Produktion zugewandt; dieletztere war eben hauptsächlich agrarischer Art und deren einfache undtraditionell feststehende Technik fordert keine so erhebliche Aufwendungwirtschaftlichen Bewufstseins wie die fortwährend variierende Industrie,und läfst dieses deshalb sich mehr auf die andere Seite der Wirtschaft,die Konsumtion, richten. Die Entwicklung der Arbeit überhaupt zeigtdies Schema; bei den Naturvölkern ist sie fast nur eine solche, die umdes unmittelbar folgenden Verbrauches willen geschieht, nicht um desBesitzes willen, der die Staffel zu weiterem Erwerbe abgäbe, weshalbdenn auch die als sozialistisch zu bezeichnenden Bestrebungen und Idealedes Altertums wohl auf eine Organisierung der Konsumtion, aber nichtder produktiven Arbeit gehen; so dafs sich hierin Platos Idealstaat ohneweiteres mit der athenischen Demokratie begegnet, zu deren Bekämpfunger gerade bestimmt war. Eine Stelle bei Aristoteles beleuchtet dies be-sonders scharf. Sobald für die politischen Funktionen ein Sold eingeführtwird, so bewirke dies in der Demokratie ein Übergewicht der Armenüber die Reichen. Denn jene seien durch Privatgeschäfteweniger in Anspruch genommen als diese und haben deshalbmehr Zeit, ihre öffentlichen Rechte auszuüben, was sie denn auch um