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des Soldes willen tun. Es ist hier also schlechthin selbstverständlich,dafs die Armen die Beschäftigungsloseren sind. Ist dies aber, im Gegen-satz zu späteren Zeiten, nichts Zufälliges, sondern ein prinzipiell in jenerWirtschaftsform Begründetes, so folgt, dafs das Interesse der Masseneben nur darauf gehen konnte, unmittelbar zu leben zu haben: eine sozialeStruktur, die die Arbeitslosigkeit der Armen voraussetzt, mufs im wesent-lichen ein konsumtives statt eines produktiven Interesses haben. Diesittlichen Vorschriften, die sich bei den Griechen über das ökonomischeGebiet finden, betreffen fast niemals den Erwerb — freilich schon des-halb, weil an die numerisch weit überragenden Urproduzenten, dieSklaven, sich überhaupt kein soziales oder ethisches Interesse knüpfte.Nur die Verwendung, nicht die Beschaffung gebe, wie Aristoteles meint,Gelegenheit zur Entfaltung positiver Sittlichkeit. Das harmoniert völligmit seiner und Platos Meinung über das Geld, in dem beide nur einnotwendiges Übel erblicken. Denn wo die Wertbetonung ausschliefslichauf der Konsumtion liegt, enthüllt das Geld seinen indifferenten undleeren Charakter besonders deutlich, weil es mit dem Endzweck derWirtschaft unmittelbar konfrontiert wird; als Produktionsmittel rückt esvon jenem weiter ab, es wird rings von anderen Mitteln umgeben, gegendie gehalten es eine ganz andere relative Bedeutung besitzt. DieserUnterschied in dem Sinne des Geldes geht auf die letzten Entscheidungenin dem Geiste der Epochen zurück. Das Bewufstseins-Übergewicht deskonsumtiven Interesses über das produktive ging, wie eben erwähnt, vondem Vor wiegen agrarischer Produktion aus; der Grundbesitz, dierelativ unverlierbare und durch das Gesetz geschützteste Substanz, warder einzige, der dem Griechen das Beharren und die Einheit seinesLebensgefühls gewährleisten konnte. Darin war der Grieche doch nochOrientale, dafs er sich die Kontinuität des Lebens nicht anders vorstellenkonnte, denn als die Ausfüllung der Zeitreihe mit festen und beharrendenInhalten: das war das Haften am Substanzbegriff , das die ganze griechischePhilosophie charakterisiert. Keineswegs freilich ist damit die Wirklich-keit des griechischen Lebens bezeichnet, sondern gerade sein Versagtes,seine Sehnsucht und Erlösung: das ist die ungeheure Spannweite desgriechischen Geistes, dafs er seine Ideale nicht nur in der Fortsetzungund Komplettierung der Gegebenheit suchte, wie es bei weniger grofsenund schwungvollen Volksnaturellen geschieht; sondern dals ihre leiden-schaftliche, gefährdete, durch fortwährende Parteiungen und Kämpfe zer-rissene Realität ihre Vollendung in ihrem Anderen suchte, in der festenBegrenztheit und den ruhigen Formen ihres Denkens und Bildens. Völligentgegengesetzt ist die moderne Anschauung, die die Einheit und den