Druckschrift 
Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
Seite
242
Einzelbild herunterladen
 

242

Relativität der Wirtschaftswerte in Substanz, es ist die Bedeutung jedeseinzelnen, die es als Mittel für den Erwerb eines anderen hat aberwirklich diese blofse Bedeutung als Mittel, losgelöst von ihrem singu-lären konkreten Träger. Aber eben deshalb kann es psychologisch zueinem absoluten Werte werden, weil es nicht die Auflösung in Relativeszu fürchten hat, derentwegen so viele, von vornherein substanzielle Werteden Anspruch auf Absolutheit nicht aufrechterhalten konnten. In demMafse, in dem das Absolute des Daseins (von dem ideellen Sinn derDinge rede ich hier nicht) sich in Bewegung, Beziehung, Entwicklung auf-löst, treten auch für unsere Wertbedürfnisse diese an die Stelle jenes. DasGebiet der Wirtschaft hat in dem psychologisch absoluten Wertcharakterdes Geldes diesen geschichtlichen Typus restlos exemplifiziert wobei,wie populären Mifsverständnissen gegenüber bemerkt werden mag, mitder formalen Gleichheit dieser Entwicklung auf allen Gebieten durchausnicht die Gleichheit ihrer Erfreulichkeit behauptet werden soll.

Wenn der Endzweckcharakter des Geldes für ein Individuum die-jenige Intensität übersteigt, in der er der angemessene Ausdruck für dieWirtschaftskultur seines Kreises ist, so entstehen die Erscheinungen derGeldgier und des Geizes. Ich betone ausdrücklich die Abhängigkeitdieser Begriffe von den jeweiligen Wirtschaftsverhältnissen, weil ebendasselbe absolute Mals von Leidenschaft im Erwerben und im Festhaltendes Geldes bei einer gewissen Bedeutung des Geldes durchaus normalund adäquat sein, bei einer andern aber jenen hypertrophischen Kategorienangehören mag. Im allgemeinen wird die Grenze für den Beginn dereigentlichen Geldgier bei sehr entwickelter und lebhafter Geldwirtschaftsehr hoch liegen, auf primitiveren Stufen aber verhältnismäfsig tief,während es sich mit dem Geiz umgekehrt verhält: wer in engen undwenig geldwirtschaftlich bewegten Verhältnissen als sparsam und rationellin Geldausgaben gilt, wird in den grofsen Verhältnissen des schnellenUmsatzes, des leichten Verdienens und Ausgebens bereits als geizig er-scheinen. Schon daran zeigt sich, was später noch deutlicher werdenwird, dafs Geldgier und Geiz keineswegs zusammenfallende Erscheinungensind, wenn sie auch die gleiche Grundlage, die Wertung des Geldes alsabsoluten Zweckes, teilen. Beide stellen, wie alle vom Geld ressortieren-den Erscheinungen, nur besondere Ausbildungsstufen von Tendenzen dar,deren niedere oder höhere Staffeln auch an anderweitigen Inhalten sicht-bar werden. Beide zeigen sich konkreten Objekten gegenüber und ohneBeziehung auf deren Geldwert an der psychologisch sehr merkwürdigenSammelsucht jener Persönlichkeiten, die das Volk den Hamstern ver-gleicht: Menschen, die kostbare Sammlungen jeglicher Art auf speichern,