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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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das Geld die Bedingung für die selige Ruhe im Besitz des Erkämpftenbildet; sondern jene Meeresstille der Seele, die die religiösen Güter ge-währen, jenes Gefühl, im Einheitspunkte des Daseins zu stehen, erreichtdoch seinen höchsten Bewufstseinswert erst als Preis des Suchens undRingens nach Gott . Und wenn Augustin vom Geschäftsleben sagt:Merito dictum negotium, quia negat otium, quod malum est neque quaeritveram quietem quae est Deus so gilt dies mit Recht von der Ge-schäftigkeit, die, Erwerbsmittel an Erwerbsmittel knüpfend, zu dem End-ziel des Geldgewinnes aufsteigt; es gilt aber nicht von diesem Endzielselbst, das eben nicht mehr negotium, sondern die Mündung desselbenist. Die Feindseligkeit, mit der die religiöse und kirchliche Gesinnungoft dem Geldwesen gegenübersteht, mag auch auf den Instinkt für diesepsychologische Formähnlichkeit zwischen der höchsten wirtschaftlichenund der höchsten kosmischen Einheit zurückgehen und auf die erfahreneGefährlichkeit der Konkurrenz, die gerade das Geldinteresse dem religiösenInteresse bereitet eine Gefährlichkeit, die sich nicht nur, wo die Sub-stanz des Lebens eine ökonomische, sondern auch wo sie eine religiöseist, gezeigt hat. In der kanonistischen Verwerfung des Zinses sprichtsich die Perhorreszierung des Geldes überhaupt aus, denn der Zins machtdas Geldgeschäft in seiner abstrakten Reinheit aus. Das Zinsprinzip alssolches enthält für sich noch nicht das volle Mals der Sündhaftigkeithat man diese doch im Mittelalter vielfach zu vermeiden geglaubt, wennman den Zins in Waren statt in Geld abstatten liefs, sondern dafs esder Zins des Geldes und in Geld war, so dafs man mit der Abschaffungjenes das Geldwesen überhaupt an seiner Wurzel zu treffen meinte. DasGeld tut sich eben gar zu leicht als Endzweck auf, es schliefst bei gar zuvielen die teleologischen Reihen endgültig ab und leistet ihnen ein Mals von einheitlichem Zusammenschlufs der Interessen, von abstrakter Höhe,von Souveränität über den Einzelheiten des Lebens, das ihnen das Be-dürfnis abschwächt, die Steigerung eben dieser Genugtuungen in derreligiösen Instanz zu suchen. Aus all diesen Zusammenhängen heraussind also doch mehr als die auf der Hand liegenden Vergleichungspunktewirksam, wenn Hans Sachs schon einen Vertreter der allgemeinenMeinung den Schlufs ziehen läfst: Gelt ist auff erden der irdisch got.Der ganze Umfang derselben geht auf das Grundmotiv für die Stellungdes Geldes zurück: dafs es das absolute Mittel ist, das eben dadurch zuder psychologischen Bedeutung eines absoluten Zweckes aufsteigt. Manhat, mit einer freilich nicht völlig konsequenten Formulierung, gesagtdas einzig Absolute sei die Relativität der Dinge; und dafür allerdingsist das Geld das stärkste und unmittelbarste Symbol. Denn es ist die

Simmel. Philosophie des Geldes. 2. Aufl. 16