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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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auch diese eigentlich nur, wenn sie ihm als Almosen zuflielsen. Wiefundamental diese Bestimmung war, zeigt der Name, mit dem sich dieMönche bezeichneten: die Gemeinde der Bettler. Indem sie täglich er-bettelten und nicht einmal durch ausgesprochene Bitten, sondern dasAlmosen stillschweigend erwartend was sie täglich bedurften, war dieBindung an jegliches Eigentum soweit gelöst, wie es überhaupt möglichwar. Wie es bei gewissen arabischen Nomadenstämmen durch Gesetzverboten war, Getreide zu säen, ein Haus zu bauen und Ähnliches, damitkeine Verführung zur Sefshaftigkeit den Einzelnen den Lebensbedingungendes Stammes untreu mache, so galt dasselbe in innerlicher Wendungvon den buddhistischen Mönchen. Sie, die sich den Vögeln vergleichen,die nichts mit sich tragen, als die Flügel, wohin sie auch fliegen, dürfenkein Ackerland, kein Vieh, keine Sklaven zum Geschenk nehmen. Amstrengsten aber ist dies Verbot in Bezug auf Gold und Silber. DerWohltäter, der den Mönchen ein Geldgeschenk zugedacht hat, darf esnicht ihnen geben, sondern einem Handwerker oder Händler, der dannden Mönchen dafür die Naturalien liefert, die sie annehmen dürfen. Hataber dennoch ein Bruder Gold oder Silber angenommen, so mufs er vorder Gemeinde Bufse tun und das Geld wird, wenn ein gutgesonnenerLaie in der Nähe ist, diesem zum Einkauf von Lebensmitteln gegeben;selbst darf kein Mönch dies besorgen. Ist aber keiner gleich zur Hand,so wird das Geld einem Mönche zum Fortwerfen überliefert und zwar einem,»der frei ist von Begehren, frei ist von Hafs , frei von Verblendung«und der so die Garantie gibt, dafs er es auch wirklich wegwirft. Hierist wenn auch mit der eigentümlichen anämischen Gedämpftheit diesergleichsam in einem Gedanken erstarrten Seelen das Geld zu einemGegenstand der Furcht und des Abscheus, die Armut zu einem eifer-süchtig gehüteten Besitz, zu einem kostbaren Stück in dem Wertinventardieses, aller Mannigfaltigkeit und Interessiertheit der Welt abgewandtenDaseins geworden. Im Gelde war der einheitliche Wert gegeben,mit dessen Ablehnung gerade alle Vielheit der Welt abgelehnt war.

Die innere Formung, die sich zum absoluten Werte der Armut auf-gipfelt, wird nun mit reinster Entschiedenheit und unvergleichlicherLeidenschaft von den ersten Franziskanermönchen dargestellt. Hier giltes nicht nur eine Reaktion gegen jene furchtbare Verweltlichung deritalienischen Kirche des 12. und 13. Jahrhunderts, die in der Simonieihren gedrängtesten Ausdruck gefunden hatte: auf Geld war alles ge-stellt und für Geld alles zu haben, von der Papstwahl bis zur Einsetzungdes armseligsten Landpfarrers, von der grofsartigsten Klostergründungbis zum Aussprechen der Formel, durch die Florentiner Priester den