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Wein, in dem Mäuse ertrunken waren, wieder sühnten und geniefsbarmachten! Die Reformbewegung hiergegen, die seit dem fünften Jahr-hundert nie völlig unterbrochen war, hatte freilich schon sonst die Armutals die ideale Forderung für den Geistlichen laut werden lassen, weildamit der Verweltlichung der Kirche so Wurzel wie Krone abgeschnittenwäre. Allein zu einem selbständigen Werte oder zu einem Korrelat dertiefsten inneren Bedürfnisse wurde die Armut doch erst bei den Franzis-kanern. Von der ersten Zeit des Ordens sagt ein Spezialhistoriker: »Inder Armut hatte die gente poverella Sicherheit, Liebe und Freiheit ge-funden: was Wunder, dafs alles Dichten und Trachten der neuen Aposteleinzig der Bewahrung dieses köstlichen Schatzes galt. Ihre Verehrungkannte keine Grenzen ; mit der vollen Glut bräutlicher Liebe warben sietäglich aufs neue um die Freundin ihres Herzens.« Die Armut wurdehier zu einem positiven Besitz, der einerseits gleichsam den Erwerb derhöchsten Güter vermittelte, ihnen gegenüber das leistete, was das Geldden irdischen Verächtlichkeiten gegenüber; wie dieses war sie dasReservoir, in das die praktischen Wertreihen mündeten und aus dem siesich wieder nährten. Andrerseits aber war die Armut schon ganz un-mittelbar eine Seite oder ein Ausdruck davon, dafs dem Entsagendendie Welt in einem höheren, dem höchsten Sinne gehörte; er war eigent-lich kein Entsagender, sondern in der Armut besafs er den reinsten,feinsten Extrakt der Dinge, wie der Geizige ihn im Gelde besitzt. Wiedie buddhistischen Mönche sagten: »In hoher Freude leben wir, die wirnichts besitzen; Fröhlichkeit ist unsere Speise, wie den Göttern desLichtreichs« — so charakterisierte man die Franziskaner als nihil habentes,omnia possidentes. Die Armut hat hier ihr asketisches Wesen verloren:die inneren Güter, zu deren Gewinn sie die negative Bedingung bildete,sind zu ihr selbst herabgestiegen, der Verzicht auf das Mittel, das derWelt sonst als der volle Repräsentant ihrer Endzwecke gilt, hat diegleiche Steigerung zu einem definitiven Werte erfahren. Die ungeheureund ausgreifende Macht des Prozesses, durch den das Geld aus seinerMittlerstellung zu der Bedeutung eines Absoluten aufsteigt, kann durchnichts ein schärferes Licht erhalten als dadurch, dafs die Verneinungseines Sinnes sich zu der gleichen Form steigert.
Den Kreis dieser Erscheinungen, die das Wesen des Geldes durchseine Reflexe beleuchten und durchsichtig machen sollen, schliefse ichmit zwei, auf den Höhen der Geldkultur fast endemischen Vorkomm-nissen: dem Zynismus und der Blasiertheit — beides Ergebnisse derReduktion auf den Mittelwert des Geldes, die sich die spezifischen Wertedes Lebens gefallen lassen müssen; sie bilden gleichsam den Revers der