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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Erscheinungen von Geiz und Geldgier, indem jene Reduktion sich mitdiesen in dem Aufwachsen eines neuen Endwertes, mit Zynismus undBlasiertheit aber in dem Herabsetzen aller alten offenbart. In ihnenvollendet sich die Negativität der teleologischen Reihen, die das Geldschon in der Verschwendung und der Lust an der Armut zustandegebracht hat sie vollendet sich, indem sie jetzt nicht nur die Einzel-heit der Werte, die blofs im Gelde kristallisiert sind, sondern die Tat-sache der Werte überhaupt ergreift. So wenig das, was wir heuteZynismus nennen, der fundamentalen Gesinnung nach etwas mit dergriechischen Lebensphilosophie, von der sein Name stammt, zu tun hat,so besteht doch eine, wenn auch sozusagen perverse Beziehung zwischenbeiden. Der antike Zynismus hatte ein ganz positives Lebensideal: dieunbedingte Seelenstärke und sittliche Freiheit des Individuums. Dieswar ihm ein so unbedingter Wert, dafs ihm gegenüber alle Unterschiedesonst anerkannter Werte zunichte wurden: ob jemand Herr oder Sklaveist, ob er seine Bedürfnisse auf ästhetische oder unästhetische Weise be-friedigt, ob er ein Vaterland hat oder keins, ob er die Familienpflichtenerfüllt oder nicht das sei für den Weisen völlig gleichgültig und zwarnicht nur im Vergleich mit jenem absoluten Werte, sondern in dieserGleichgültigkeit offenbare sich gerade dessen Vorhandensein. Für diejetzt als zynisch bezeichnete Gesinnung scheint es mir entscheidend, dafsauch für sie keine Höhendifferenzen der Werte bestehen, und das imallgemeinen Hochgewertete seine einzige Bedeutung darin hat, auf dasNiveau des Niedrigsten herabgezogen zu werden dafs aber der positiveund ideelle sittliche Endzweck dieser Nivellierung weggefallen ist. Wasfür jene paradoxen Abkömmlinge sokratischer Lebensweisheit ein Mitteloder ein sekundäres Ergebnis war, ist hier das Zentrum geworden undhat sich dadurch in seiner Bedeutung völlig geändert. Der Zynikernun immer in dem jetzigen Sinne offenbart sein Wesen am deutlichstenim Gegensatz zu dem sanguinischen Enthusiasten. Während bei diesemdie Kurve der Wertbewegung von unten nach oben geht und auch niedereWerte zu der Bedeutung der höheren zu heben strebt, [ist sie beimZyniker umgekehrt gerichtet: sein Lebensgefühl ist erst adäquat aus-gedrückt, wenn er die Niedrigkeit auch der höchsten Werte, denIllusionismus der Wertunterschiede [theoretisch und praktisch erwiesenhat. Dieser Stimmung kann nichts wirksamer entgegenkommen, als dieFähigkeit des Geldes, die höchsten wie die niedrigsten Werte gleich-mäfsig auf eine Wertform zu reduzieren und sie dadurch, um so ver-schiedene Arten und Mafse derselben es sich auch handeln mag, aufdasselbe prinzipielle Niveau zu bringen. Auf keinem anderen generellen