282
her, aufgerüttelt wird; sowohl der Besitz von Werten wie die Ent-behrung derselben oder die Unwürdigkeit gewisser Situationen könnenlange bestehen und sich sogar allmählich steigern, ehe wir uns der Be-deutung davon bewufst werden; es mufs erst ein Anstois erfolgen, derdie inneren Elemente sich gleichsam aneinander reiben läfst, so dafs wiruns ihrer wirklichen Stärke gerade an ihren jetzt erst bemerkten Re-lationen oder Unterschieden gegen alle anderen bewufst werden. Ja,Gefühle wie Liebe und Hafs können lange in uns leben und gleichsamunterirdisch sich akkumulieren und gewisse verkleidete Wirkungen üben,bis irgend ein Anstofs, meistens eine Unterbrechung der äufseren Regel-mäfsigkeit der Beziehungen, jene Gefühle in das Bewufstsein hineinexplodieren läfst und ihnen nun erst die ihnen zukommende Ausbreitungund Folgenreichtum verschafft. Nach demselben Typus verlaufen auchsoziale Entwicklungen. Sinnlosigkeiten und Mifsbräuche schleichen sichnicht nur in einmal konsolidierte Verfassungen ein, sondern sie häufenund steigern sich unterhalb der Schwelle des sozialen Bewufstseins, oftbis zu einem Grade, dessen Ertragenwerden man von dem Augenblickan nicht mehr begreift, in dem ein allgemeines Aufräumen, oft auf ganzandersartige Anregungen hin, jene Mifsstände zum Bewufstsein gebrachthat. Oft sind es bekanntlich erst die Erschütterungen durch einenäufseren Krieg, die die Widersprüche und eingerotteten Schäden einesStaates offenbar machen. Dies begründet z. B. die schon sonst hervor-gehobene Beobachtung, dafs sehr krasse soziale Unterschiede, unversöhn-liche Höhenabstände der Klassen voneinander, in der Regel mit sozial'emFrieden Hand in Hand gehen. Der Ruf nach ausgleichenden Reformenoder Revolutionen pflegt sich erst zu erheben, wenn die Starrheit derKlassenschranken sich gemildert hat und lebhaftere Bewegungen inner-halb der Gesellschaft gewisse vermittelnde und Übergangserscheinungen,eine Seh- und Vergleichungsnähe zwischen den Ständen erzeugt haben.Sobald dies aber geschehen ist, tritt den unteren Klassen ihre Unterdrückt-heit, den oberen teils die sittliche Verantwortung dafür, teils der Trieb,ihren Besitzstand zu verteidigen, ins Bewufstsein, und der soziale Friedeist unterbrochen. Innerhalb der Geldwirtschaft nun ist die Bewegtheitdes Lebenssystems, durch die das Bewufstsein zu Unterschieds- undSchwellenempfindungen gereizt wird, eine ganz besonders verbreitete undlebhafte. Die Fixierung von Verhältnissen, die den gesteigerten Ver-anlassungen zu Bewufstseinsreaktionen diese Folge vorenthält, wird beiihrer Begründung auf Geld immerzu unterbrochen, weil alle solche etwasLabiles und der Ruhelage Widerstrebendes haben, und zwar insbesondereweil das Geld keine sachliche Beziehung zu Persönlichkeiten hat und