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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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Viertes Kapitel.

Die individuelle Freiheit.

i.

Man kann die Entwicklung jedes menschlichen Schicksals von demGesichtspunkte aus darstellen, dafs es in einer ununterbrochenen Ab-wechslung von Bindung und Lösung, von Verpflichtung und Freiheitverläuft. Dieser erste Überschlag indes stellt eine Scheidung dar, derenSchroffheit die nähere Betrachtung mildert. Was wir nämlich als Frei-heit empfinden, ist tatsächlich oft nur ein Wechsel der Verpflichtungen;indem sich an die Stelle der bisher getragenen eine neue schiebt, empfindenwir vor allen Dingen den Fortfall jenes alten Druckes, und weil wir vonihm frei werden, scheinen wir im ersten Augenblick überhaupt frei zusein bis die neue Pflicht, die wir zuerst gleichsam mit bisher ge-schonten und deshalb besonders kräftigen Muskelgruppen tragen, mitder allmählichen Ermüdung derselben ihr Gewicht geltend macht undnun der Befreiungsprozefs ebenso an sie ansetzt, wie er vorher in ihrgemündet hatte. Dieses Schema vollzieht sich nicht an allen Bindungenmit quantitativer Gleichheit: es gibt vielmehr gewisse, mit welchen derTon der Freiheit länger, intensiver, bewufster, verbunden ist als mitanderen; manche Leistungen, die nicht weniger streng gefordert werdenals andere und im ganzen die Kräfte der Persönlichkeit nicht wenigerbeanspruchen, scheinen dennoch dieser ein besonders grofses Mafs vonFreiheit zu gewähren. Der Unterschied der Verpflichtungen, der diesenUnterschied der damit verträglichen Freiheit zur Folge hat, weist folgendenTypus auf. Jeder Verpflichtung, die nicht einer blofsen Idee gegenüberbesteht, entspricht das Forderungsrecht eines Anderen: weshalb denn dieMoralphilosophie allenthalben die sittliche Freiheit mit denjenigen V e r-pflichtungen identifiziert, die ein ideeller oder gesellschaftlicher Im-perativ oder die das eigne Ich uns auferlegt. Der Anspruch des Anderen