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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
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aber doch noch unverkennbar vor uns zu haben. Während der Menschder früheren Stufe die geringere Anzahl seiner Abhängigkeiten mit derEnge persönlicher Beziehung, oft persönlicher Unersetzbarkeit derselben-bezahlen mufste, werden wir für die Vielheit unserer Abhängigkeitendurch die Gleichgültigkeit gegen die dahinter stehenden Personen und durchdie Freiheit des Wechsels mit ihnen entschädigt. Und wenn wir durchdie Kompliziertheit unserer Bedürfnisse einerseits, die Spezialisiertheitunserer Fähigkeiten andrerseits von dem Ganzen der Gesellschaft sehrviel abhängiger sind als der primitive Mensch, der sich allenfalls mitseiner ganz engen isolierten Gruppe durchs Leben schlagen konnteso sind wir dafür von jedem bestimmten Elemente dieser Gesellschaftaufserordentlich unabhängig, weil seine Bedeutung für uns in die einseitige Sachlichkeit seiner Leistung übergegangen ist, die deshalb vielleichter auch von so und soviel anderen und persönlich verschiedenenMenschen produziert werden kann, mit denen uns nichts als das in Geldrestlos ausdrückbare Interesse verbindet.

Dies ist nun die günstigste Lage, um innere Unabhängigkeit, dasGefühl individuellen Fürsichseins, zustande zu bringen. Denn der blofsenIsolierung Anderen gegenüber gelingt die positive, hiermit gemeinteVerfassung noch nicht-, rein logisch formuliert: die Unabhängigkeit istnoch etwas Anderes als die blofse Nicht-Abhängigkeit wie etwa Un-sterblichkeit noch etwas Anderes ist als Nicht-Sterblichkeit; denn nichtsterblich ist auch der Stein oder das Metall, die man indes nicht un-sterblich nennen dürfte. Ist doch schon an der anderen Bedeutung desIsoliertseins, der Einsamkeit, der Anschein reiner Negativität ein irriger.Auch diese, wenn sie eine psychologische Wirksamkeit und Betonunghat, meint keineswegs nur die Abwesenheit jeder Gesellschaft, sonderngerade ihr ideelles und dann erst verneintes Dasein; sie ist eine Fern-wirkung der Gesellschaft, die positive Bestimmung des Individuums durchnegative Vergesellschaftung. Falls die blofse Isolierung nicht eine Sehnsuchtnach Anderen oder ein Glück des Fernseins von ihnen, kurz eine Abhängig-keit des Gefühls erzeugt, so stellt sie den Menschen überhaupt jenseits derFrage von Abhängigkeit oder Freiheit und läfst die tatsächliche Freiheitzu keinem Bewufstseinswert kommen, weil ihr der Gegensatz, die Reibung,Versuchung, Nähe des Unterschiedes fehlt. Wenn die Entwicklung derIndividualität, die Überzeugung, mit allem einzelnen Wollen und Fühlenden Kern unseres Ich zu entfalten, als Freiheit gelten soll, so tritt sieunter diese Kategorie nicht als blofse Beziehungslosigkeit, sondern geradeals eine ganz bestimmte Beziehung zu Anderen. Diese Anderen müssenzunächst doch dasein und empfunden werden, damit sie einem gleich-