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gültig sein können. Die individuelle Freiheit ist keine rein innere Be-schaffenheit eines isolierten Subjekts, sondern eine Korrelationserscheinung,die ihren Sinn verliert, wenn kein Gegenpart da ist. Wenn jedes Ver-hältnis zwischen Menschen aus Elementen der Annäherung und Ele-menten der Distanz besteht, so ist Unabhängigkeit eines, in dem dieletzteren zwar ein Maximum geworden, die ersteren aber so wenig ganzverschwunden sein können, wie aus der Vorstellung des Linken die desRechten. Die Frage ist jetzt nur, welches die günstigste konkrete Ge-staltung beider Elemente ist, um die Unabhängigkeit, sowohl als objektiveTatsache wie im subjektiven Bewufstsein, hervorzubringen. Eine solchescheint nun gegeben, wenn zwar ausgedehnte Beziehungen zu anderenMenschen da sind, aus denen aber alle Elemente eigentlich individuellerNatur entfernt sind; Einflüsse, welche indes gegenseitig ganz anonymausgeübt werden; Bestimmungen ohne Rücksicht darauf, wen sie treffen.Die Ursache wie die Wirkung derartiger objektiver Abhängigkeiten, beidenen das Subjekt als solches frei ist, liegt in der Auswechselbarkeitder Personen: in dem freiwilligen oder durch die Struktur des Verhält-nisses bewirkten Wechsel der Subjekte offenbart sich jene Gleichgültigkeitdes subjektiven Momentes der Abhängigkeit, die das Gefühl der Freiheitträgt. Ich erinnere an die Erfahrung, mit der ich dies Kapitel begann:dafs der Wechsel der Verpflichtungen sehr oft von uns als Freiheitempfunden wird; es ist dieselbe Verhältnisform zwischen Bindungen undFreiheit, die sich hier nur in die einzelne Bindung hinein fortsetzt. Einprimitives Beispiel gibt die charakteristische Differenz des mittelalter-lichen Vasallen vom Unfreien: jener konnte den Herrn wechseln,während dieser unwandelbar an einen einzigen gefesselt war. Das be-deutete, selbst wenn das Mafs der Bindung dem Herrn gegenüber, ansich betrachtet, das gleiche gewesen wäre, für den einen ein unvergleichlichhöheres Mafs von Selbständigkeit als für den anderen. Nicht die Bin-dung überhaupt, sondern die an einen individuell bestimmten Herrn, istder eigentliche Gegenpol der Freiheit. Noch das moderne Dienstboten-verhältnis ist dadurch bezeichnet, dafs die Herrschaft zwar nach denZeugnissen und dem persönlichen Eindruck den Dienstboten auswählt,dieser aber im allgemeinen zu einer entsprechenden Wahl seinerseitsweder Möglichkeit noch Kriterien besitzt. Erst in der allerneuesten Zeithat die Knappheit der Dienstboten in den gröfseren Städten ihnen hierund da die Chance gewährt, angebotene Stellen aus imponderabelnGründen ablehnen zu können. Von beiden Seiten wird dies als ein'gewaltiger Schritt zur Unabhängigkeit des Dienstboten empfunden, selbstwenn der schliefslich angenommene Dienst ihn, seinen tatsächlichen