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Anforderungen nach, nicht weniger umfänglich als früher bindet. Darumist es, die gleiche Form auf ein völlig anderes Gebiet übertragen, dochauch nur die Karikatur einer prinzipiell richtigen Empfindung, wenneine wiedertäuferische Sekte die Vielzahl der angetrauten Frauen undihren häufigen Wechsel damit rechtfertigte, dafs gerade so die innereAbhängigkeit von dem weiblichen Prinzip gebrochen würde. UnsereGesamtlage setzt sich in jedem Augenblick aus einem Mafs von Bindungund einem Mafs von Freiheit zusammen — innerhalb der einzelnenLebensprovinz oft so, dafs das eine sich mehr an ihrem Inhalt, dasandere mehr an ihrer Form verwirklicht. Die Fesselung, die ein be-stimmtes Interesse uns auferlegt, empfinden wir sogleich durch Freiheitgemildert, wenn wir sie gleichsam lokal umlagern können, d. h. ohneHerabsetzung des Abhängigkeitsquantums die sachlichen, idealen oderpersonalen Instanzen selbst auswählen können, denen gegenüber diesletztere sich verwirklicht. In dem Lohnarbeitertum der Geldwirtschaftkommt eine formal gleiche Entwicklung auf. Sieht man auf die Härteund Erzwungenheit der Arbeit, so scheint es, als wären die Lohnarbeiternur umgekleidete Sklaven. Wir werden nachher sehen, wie die Tat-sache, dals sie die Sklaven des objektiven Produktionsprozesses sind, alsÜbergang zu ihrer Befreiung gedeutet werden kann- die subjektive Seitedavon aber ist, dafs das Dienstverhältnis zu dem einzelnen Unternehmerfrüheren Arbeitsformen gegenüber ein unvergleichlich viel lockreres ist.Gewifs ist der Arbeiter an die Arbeit gefesselt wie der Bauer an dieScholle, allein die Häufigkeit, mit der die Geldwirtschaft die Unter-nehmer austauscht, und die vielfache Möglichkeit der Wahl und desWechsels derselben, die die Form des Geldlohnes dem Arbeiter gewährt,geben diesem doch eine ganz neue Freiheit innerhalb seiner Gebunden-heit. Der Sklave konnte selbst dann den Herrn nicht wechseln, wenner bereit war, sehr viel schlechtere Lebensbedingungen auf sich zunehmen — was der Lohnarbeiter in jedem Augenblick kann; indem soder Druck der unwiderruflichen Abhängigkeit von dem individuell be-stimmten Herrn in Wegfall kommt, ist, bei aller sachlichen Bindung,doch der Weg zu einer personalen Freiheit beschritten. Diese be-ginnende Freiheit anzuerkennen, darf uns ihre häufige Einflufslosigkeitauf die materielle Lage des Arbeiters nicht verhindern. Denn hier wieauf anderen Gebieten besteht zwischen Freiheit und eudämonistischerHebung keineswegs der notwendige Zusammenhang, den die Wünsche,die Theorien und die Agitationen ohne weiteres vorauszusetzen pflegen.Vor allem wirkt nach dieser Richtung, dafs der Freiheit des Arbeitersauch eine Freiheit des Arbeitgebers entspricht, die bei gebundneren