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Philosophie des Geldes / von Georg Simmel
Entstehung
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sich endlich die Bedeutung des Geldes selbst: die ungeheuere Ver-billigung des Geldes macht das einzelne Geldquantum immer wertloserund irrelevanter, aber die Rolle des Geldes überhaupt wird immermächtiger und umfassender. In all diesen Erscheinungen werden inner-halb der Geldwirtschaft die Objekte in ihrer Einzelheit und Individualitätfür uns immer gleichgültiger, wesenloser, auswechselbarer, während diesachliche Funktion, die die ganze Gattung übt, uns immer wichtigerwird, uns immer abhängiger macht.

Diese Entwicklung reiht sich in ein noch allgemeineres Schema ein,das für aufserordentlich viele Inhalte und Beziehungen des Menschlichengilt. In ungeschiedener Einheit des Sachlichen und des Persönlichenpflegen diese ursprünglich aufzutreten. Nicht als ob, wie wir es heuteempfinden, die Inhalte des Lebens: Eigentum und Arbeit, Pflicht undErkenntnis, soziale Stellung und Religion irgend ein Fürsichsein, einereale oder begriffliche Selbständigkeit besäfsen und dann erst, von derPersönlichkeit auf genommen, jene enge und solidarische Verbindung mitihr eingingen. Vielmehr, der primäre Zustand ist eine völlige Einheit,eine ungebrochene Indifferenz, die überhaupt noch jenseits des Gegen-satzes persönlicher und sachlicher Seiten des Lebens steht. So weifsz. B. das Vorstellungsleben auf seinen niedrigen Stufen garnicht zwischenobjektiver, logischer Wahrheit und subjektiven, nur psychologischen Ge-bilden zu unterscheiden: dem Kinde und dem Naturmenschen gilt daspsychologische Gebilde des Augenblicks, das Phantasma, der subjektiverzeugte Eindruck ohne weiteres als Wirklichkeit; das Wort und dieSache, das Symbol und das Symbolisierte, der Name und die Personfallen ihm zusammen, wie unzählige Tatsachen der Ethnologie und derKinderpsychologie beweisen. Und zwar ist nicht dies der Vorgang, dafszwei an sich getrennte Reihen irrtümlich verschmelzen und sich ver-wirren; sondern die Zweiheit besteht überhaupt noch nicht, wederabstrakt noch in tatsächlicher Anwendung, die Vorstellungsinhalte tretenvon vornherein als völlig einheitliche Gebilde auf, deren Einheit nichtin einem Zusammengehen jener Gegensätze, sondern in der Unberührt-heit durch den Gegensatz überhaupt besteht. So entwickeln sich Lebens-inhalte, wie die vorhin genannten, unmittelbar in personaler Form; dieBetonung des Ich einerseits, der Sache andrerseits geht erst als Erfolgeines langen, niemals ganz abzuschliefsenden Differenzierungsprozessesaus der ursprünglichen naiven Einheitsform hervor. Dieses Heraus-bilden der Persönlichkeit aus dem Indifferenzzustande der Lebensinhalte,der nach der anderen Seite hin die Objektivität der Dinge aus sichhervortreibt, ist nun zugleich der Entstehungsprozefs der Freiheit. Was